{"id":1008,"date":"2003-05-22T12:47:37","date_gmt":"2003-05-22T11:47:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1008"},"modified":"2003-05-22T12:47:37","modified_gmt":"2003-05-22T11:47:37","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-22-mai-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/05\/22\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-22-mai-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 22. Mai 2003"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><img decoding=\"async\" src=\"\/DOKUME%7E1\/czech\/LOKALE%7E1\/Temp\/moz-screenshot.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seit Wochen arbeiten wir alle immer noch unsere 12 Stunden pro Tag. Nach einem anstrengenden Tag kommen meine zwei Kollegen und ich um acht Uhr abends in unser Wohnhaus zur\u00fcck. Der eine ist Wasserspezialist, der andere leitet die Orthop\u00e4die-Station des Roten Kreuzes.<\/p>\n<p>Beim Abendessen reden wir \u00fcber die Eindr\u00fccke des Tages. Wir versammeln uns um den Tisch wie eine Familie, in der alle aus der gleichen Arbeitssituation nach Hause kommen. Deshalb pflegen wir einen sehr verst\u00e4ndnisvollen Austausch untereinander, wir erleben \u00e4hnliche Situationen, jeder kann nachvollziehen, was der andere meint. Wir bem\u00fchen uns sehr, einander zuzuh\u00f6ren. Ich habe das Gef\u00fchl die Eindr\u00fccke dadurch gut zu verarbeiten und glaube nicht, dass bei mir etwas \u201estecken\u201c bleibt.<\/p>\n<p>Das Fernsehen taugt nicht zur Ablenkung oder Entspannung, denn es gibt kaum etwas zu sehen. Manchmal spielen wir nach dem Essen noch ein wenig Karten oder Schach. Aber meistens hat uns das Tagesgeschehen so geschafft, dass wir um zehn ins Bett fallen. Dann laufen nat\u00fcrlich die Gedanken weiter, das Gehirn schaltet nicht ab, weil man verl\u00e4sst die Situation nicht.<\/p>\n<p>Schon beim Abendessen h\u00f6rt man erste Schie\u00dfereien, die immer wieder die Nachtruhe zerrei\u00dfen. Da ist es wichtig, sich nicht alleine gelassen zu f\u00fchlen. Unser Team funktioniert wie eine gro\u00dfe Familie, wir passen aufeinander auf, halten Augen und Ohren offen und sind sensibel f\u00fcr Ver\u00e4nderungen beim anderen. Wenn wir zum Beispiel bemerken, dass jemand ruhiger wird, aufh\u00f6rt \u00fcber seine Erlebnisse zu reden, dann gehen wir auf denjenigen zu.<\/p>\n<p>Auch die irakischen Mitarbeiter brauchen viel Verst\u00e4ndnis. Denn sie gehen nach der Arbeit nach Hause und dort warten ihre eigenen Probleme auf sie. Tags\u00fcber helfen sie ihren Landsleuten, abends sind sie noch f\u00fcr die N\u00f6te ihrer Frauen, Kinder oder M\u00e4nner da. Sie leben im Ausnahmezustand.<\/p>\n<p>Ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit ist nach wie vor die Herstellung von Familienkontakten. Mittlerweile stellt das Rote Kreuz in fast allen Regionen des Landes Satellitentelefone zur Verf\u00fcgung. Alleine hier in Bagdad sind schon \u00fcber 2000 Telefonate \u00fcber unsere Leitungen in das Ausland gegangen. Das \u00f6ffentliche Telefonsystem funktioniert ja noch immer nicht.<\/p>\n<p>Viele Familien vermissen auch noch Angeh\u00f6rige. Teilweise warten Frauen, M\u00fctter oder Kinder seit \u00fcber zehn Jahren auf die Kl\u00e4rung des Schicksals ihrer geliebten Familienmitglieder. Jeder einzelne Fall ist sehr aufw\u00e4ndig, aber seine Verfolgung ist au\u00dferordentlich wichtig f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, denn sie sind oft seit Jahren in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen gefangen. Im Moment werden Massengr\u00e4ber aus den letzten 13 Jahren gefunden und ge\u00f6ffnet. Das Ziel der Identifizierungen ist es, die Familie zu beruhigen und zu informieren. Denn so schrecklich die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen ist, so dringend braucht die Familie Gewissheit, um endlich sich verabschieden zu k\u00f6nnen und mit der Trauerarbeit zu beginnen.<\/p>\n<p>In den Spit\u00e4lern gibt es zwar noch Sicherheitsm\u00e4ngel aufgrund der Pl\u00fcnderungen, aber es scheint ruhiger zu werden. Unser Hauptproblem ist allerdings nicht der Mangel an Medikamenten oder medizinischen Ger\u00e4ten, sondern die Logistik. Bei 40 Grad im Schatten m\u00fcssen die meisten Medikamente mit gek\u00fchlten LKWs transportiert werden. Die Gesundheitsbeh\u00f6rden k\u00f6nnen das nicht bewerkstelligen. Auch die gek\u00fchlte Lagerung in den Spit\u00e4lern kann nicht gew\u00e4hrleistet werden. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz springen in so einer Situation zwar ein, das \u00f6ffentliche System muss aber dringend wieder hergestellt werden.<\/p>\n<p>Sehr ber\u00fchrt hat mich die Situation in der psychiatrischen Klinik der Stadt. Die Menschen sind dort vollkommen auf sich selbst gestellt. Weil die Krankenhaus-Mitarbeiter seit Wochen und Monaten nicht bezahlt worden sind, sinkt ihre Motivation massiv. Das Rote Kreuz beliefert das Spital t\u00e4glich, repariert das heruntergekommen Geb\u00e4ude laufend \u2013 wir haben ein Team, das nur noch dort arbeitet \u2013 und t\u00e4glich verschwindet wieder ein Gro\u00dfteil der angelieferten Hilfsg\u00fcter. An einem Tag bringen wir Matratzen f\u00fcr die Kranken, am n\u00e4chsten liegen die Menschen wieder am nackten Erdboden. Es ist eine Trag\u00f6die zu sehen, wie diese hilflosen Patienten dahinvegetieren. Sie bleiben sich selbst \u00fcberlassen, niemand besch\u00fctzt sie, au\u00dfer uns k\u00fcmmert sich niemand um sie. Aber mit Jammern ist niemandem geholfen. Ich bezeichne mein Gef\u00fchl in solchen Momenten als \u201ekonstruktives Mitleid\u201c. Konstruktiv deshalb, weil wir da sind und zwar emotional betroffen sind, aber etwas tun k\u00f6nnen. Wir sehen t\u00e4glich, wie wir den Menschen helfen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Im Stra\u00dfenbild von Bagdad tauchen immer wieder irreale Elemente auf. Obwohl kaum etwas funktioniert (Telefon, Fernsehen, \u00f6ffentlicher Transport), gibt es einen Pizzaservice, der unbeirrt seine Kunden beliefert. Seit kurzem sind die Ampeln wieder eingeschaltet \u2013 das Problem ist nur, sie schalten nicht um. Vorher hat man sich auf den gro\u00dfen Kreuzungen mit Augenkontakt auf die Vorfahrt geeinigt, das permanente Rot verunsichert jetzt alle. Als gut erzogener Autofahrer hat man schon ein schlechtes Gewissen, wenn man bei Rot einen f\u00fcnfspurigen Kreisverkehr durchquert.<\/p>\n<p>Ein weiteres Kuriosum ist, dass es zwar sehr viele Informationen gibt, aber alles beruht auf Ger\u00fcchten. Es gibt nie etwas Schriftliches. Zum Beispiel der Dollarkurs: Die Wechselkurse werden t\u00e4glich festgesetzt und m\u00fcndlich weitergegeben. In der ganzen Stadt halten sich alle Wechselstuben daran, aber es gibt keinen schriftlichen, offiziellen Kurs, den man irgendwo nachlesen k\u00f6nnte. Daher hat Bagdad auch einen anderen Kurz als zum Beispiel Basra.<\/p>\n<p>Gestern habe ich mich auf die gro\u00dfe Waage im Lager gestellt, auf der normalerweise die Hilfsg\u00fcter f\u00fcr die Beladung der Flugzeuge abgewogen werden. Demnach habe ich in den letzten Wochen gut f\u00fcnf Kilo rausgeschwitzt. Es hat jeden Tag etwa 40 Grad und auch in der Nacht wird es nicht k\u00fchler. Ohne Strom stehen die Ventilatoren und Klimaanlagen. Wenn ich den Leuten sage, ich schwitze, l\u00e4cheln sie milde, denn eigentlich ist es erst Fr\u00fchling \u2013 die gro\u00dfe Hitze kommt erst noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[200,220,228,256,369],"class_list":["post-1008","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-hilfe","tag-ikrk","tag-irak","tag-krieg","tag-schloffer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1008"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}