{"id":1019,"date":"2003-06-11T12:59:54","date_gmt":"2003-06-11T11:59:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1019"},"modified":"2003-06-11T12:59:54","modified_gmt":"2003-06-11T11:59:54","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-11-juni-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/06\/11\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-11-juni-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 11. Juni 2003"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>In letzter Zeit bekommen wir immer wieder Meldungen von untern\u00e4hrten Kindern in Spit\u00e4lern. Es gibt tats\u00e4chlich F\u00e4lle von chronischer Unterern\u00e4hrung, die aber nichts mit der Versorgungslage zu tun haben. Denn die Lebensmittel sind vorhanden. Die Ursache liegt in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Der Teufelskreis beginnt damit, dass die Kinder verschmutztes Wasser trinken m\u00fcssen, weil die Wasserversorgung noch nicht \u00fcberall wieder hergestellt ist. Davon bekommen sie Durchfallerkrankungen wie Diarrh\u00f6e, im Krankenhaus werden die Kinder dann wieder aufgep\u00e4ppelt. Aber kaum kommen sie nach Hause, sind sie wieder auf das verschmutzte Wasser angewiesen und der Teufelskreis beginnt sich von neuem zu drehen.<\/p>\n<p>Das schw\u00e4cht die Kleinen nat\u00fcrlich am meisten. Die Kinder brauchen sauberes Trinkwasser, damit sie die Nahrung behalten und aufnehmen k\u00f6nnen. Die Versorgung mit Trinkwasser ist daher auch eines der zentralen Themen der Rotkreuz-Arbeit im Irak. Nach wie vor sind unsere Teams an der Reparatur von Wasserwerken, Abwassersystemen und Kan\u00e4len beteiligt. Aber wir leben hier in einer F\u00fcnf-Millionen-Metropole, in der Einzelaktionen schnell wie Tropfen auf hei\u00dfe Steine verpuffen. Diese Probleme m\u00fcssen generell angegangen werden, eine funktionst\u00fcchtige Struktur in der Stadtverwaltung muss wieder eingezogen werden.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die Versorgung mit Lebensmitteln. Angeblich sind vor dem Krieg von der Regierung noch Extrarationen aus dem Oil-for-Food-Programm der UNO an Spit\u00e4ler und die Bev\u00f6lkerung ausgegeben worden. Diese Vorr\u00e4te gehen langsam zur Neige, obwohl gen\u00fcgend Lebensmittel im Land sind. Manche Krankenh\u00e4user fragen bei uns um Unterst\u00fctzung an und wir springen als \u00dcberbr\u00fcckung ein, solange die Verteilung aus dem neuen UNO-Programm noch nicht fl\u00e4chendeckend funktioniert. Inzwischen ist das Rote Kreuz im ganzen Irak t\u00e4tig, es gibt keine Gebiete mehr, wo wir nicht hink\u00e4men. Wir besuchen laufend die Spit\u00e4ler, nehmen ihre Bed\u00fcrfnisse auf und beliefern sie entsprechend.<\/p>\n<p>In der Wiederherstellung der \u00f6ffentlichen Administration wechseln sich Fortschritt und R\u00fcckschritt ab. Zum Beispiel gab es vor dem Krieg eine zentrale Verteilerstelle f\u00fcr Medikamente, die jetzt wieder in Betrieb ist. Doch obwohl die Lagerh\u00e4user so voll sind, dass die Medikamente teilweise bei \u00fcber 40 Grad im Freien gelagert werden, fragen die Spit\u00e4ler bei uns um Hilfe an. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass auch das Management in den Krankenh\u00e4usern jetzt ausgewechselt wird und die neuen Leute oft nicht wissen, wie das fr\u00fchere System funktioniert hat. Manchmal m\u00fcssen unsere Mitarbeiter den Spit\u00e4lern erkl\u00e4ren, wie ihr eigenes Distributionsverfahren funktioniert. Es mangelt also immer noch an einer Basisadministration im Land, die dringend wieder hergestellt werden muss.<\/p>\n<p>Im Stadtbild f\u00e4llt auf, dass wesentlich mehr Polizei pr\u00e4sent ist. Der Verkehr wird wieder geregelt. In der Nacht ist es in manchen Gegenden ruhiger, was aber nicht hei\u00dft, dass es sicherer ist. Das Banditentum scheint zur\u00fcckzugehen, zumindest sp\u00fcre ich es nicht mehr so stark. Auf der anderen Seite gibt es immer noch genug Stadtviertel, in die wir auch tags\u00fcber nicht gehen k\u00f6nnen, weil es zu gef\u00e4hrlich ist. Immer wieder aufflammende K\u00e4mpfe machen die Stra\u00dfen au\u00dferhalb der Stadt sehr unsicher. Die Situation bedeutet f\u00fcr uns Rotkreuz-Menschen strikte Ausgangssperre. Das ist aber auch gut, denn man ist ganz froh, wenn es dunkel ist und man ist zuhause.<\/p>\n<p>Die Temperatur klettert tags\u00fcber bis auf 46 Grad, das macht jede Bewegung drau\u00dfen f\u00fcrchterlich anstrengend. Unser Team wird immer gr\u00f6\u00dfer, wir mieten ein Geb\u00e4ude nach dem anderen. Alleine der Weg in ein anderes Geb\u00e4ude kommt einem Saunaaufenthalt gleich. Und auch die N\u00e4chte sind wie im Backofen. Zur Ablenkung und zur Erholung spielen wir zuhause oft die halbe Nacht Schach. Was sehr angenehm ist, weil der Kopf frei wird, indem man sich nur auf das Spiel konzentriert. Hin und wieder versuchen wir auch ein wenig K\u00fchlung auf der Dachterrasse zu erhaschen, das war anfangs unm\u00f6glich, weil st\u00e4ndig geschossen wurde.<\/p>\n<p>Die ersten Internet-Cafes haben aufgemacht, man kann \u00fcber Satellit in die ganze Welt Verbindungen aufbauen. Das ist nicht nur f\u00fcr uns \u201eausl\u00e4ndisches Personal\u201c sehr wichtig. In der irakischen Bev\u00f6lkerung hat beinahe jeder Verwandte im Ausland. Die Leute haben auch schon viel von der Welt gesehen, ich treffe immer wieder Menschen, die schon in Wien waren. Viele unsere Mitarbeiter, Gro\u00dfst\u00e4dter aus Bagdad, haben Europa bereist. Daran merkt man auch, wie wohlhabend das Land fr\u00fcher war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[66,220,228,256,438],"class_list":["post-1019","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-bagdad","tag-ikrk","tag-irak","tag-krieg","tag-wasser"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1019"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}