{"id":1023,"date":"2003-06-18T13:01:39","date_gmt":"2003-06-18T12:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1023"},"modified":"2003-06-18T13:01:39","modified_gmt":"2003-06-18T12:01:39","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-18-juni-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/06\/18\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-18-juni-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 18. Juni 2003"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sicherheitslage in Bagdad ist tags\u00fcber wieder gespannter. Wir h\u00f6ren Berichte von Anschl\u00e4gen und Schie\u00dfereien. Aber obwohl die Stadt nerv\u00f6ser wirkt als in den vergangenen Wochen, kann man sich durchaus auf die Stra\u00dfen trauen. Wir Rotkreuz-Mitarbeiter haben inzwischen ein feines Sensorium daf\u00fcr entwickelt, wo wir uns wie bewegen. Es gibt Stadtviertel, in denen wir uns nur bis am fr\u00fchen Nachmittag aufhalten. Dann leeren sich die Stra\u00dfen und es wird unangenehm. Nach wie vor sind unsere Teams t\u00e4glich in der Stadt unterwegs, machen Besuche und beliefern Spit\u00e4ler.<\/p>\n<p>Die Unparteilichkeit und Neutralit\u00e4t des Roten Kreuzes hilft uns bei der t\u00e4glichen Arbeit sehr. Wir ernten die Fr\u00fcchte unserer Hartn\u00e4ckigkeit, mit der wir unser Schutzzeichen gegen die Vermischung mit Politik oder Milit\u00e4r verteidigen. Die Leute vertrauen dem Roten Kreuz. Sie wissen und haben gesehen, dass wir einzig und allein da sind, um zu helfen. Und zwar allen zu helfen, ohne Unterschiede zu machen.<\/p>\n<p>Bei der Verteilung von Lebensmitteln und Material arbeiten wir (das Internationale Komitee vom Roten Kreuz) verst\u00e4rkt mit unserer Schwesterngesellschaft, dem Irakischen Roten Halbmond, zusammen. Gerade im Norden des Landes ist der Zugang zur Bev\u00f6lkerung \u00fcber ihre eigenen Landsleute, die als Freiwillige f\u00fcr den Roten Halbmond arbeiten, sehr wichtig. Gemeinsam versorgen wir Familien, die sich bei uns melden.<\/p>\n<p>Vor den Amtsgeb\u00e4uden finden in letzter Zeit \u00f6fter Demonstrationen statt, die aber in der Regel nicht gewaltt\u00e4tig sind. Die Leute sind entt\u00e4uscht, beginnen zu streiken, weil sie noch immer keine Geh\u00e4lter bekommen haben. Die Lage ist f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung sehr schwierig. Fast t\u00e4glich tauchen neue Probleme auf, bei deren L\u00f6sung viele auf sich alleine gestellt sind.<\/p>\n<p>Zum Beispiel kehren im Augenblick Familien zur\u00fcck, die das Land w\u00e4hrend des Saddam-Regimes verlassen haben, es verlassen mussten. Sie finden ihre H\u00e4user von anderen bewohnt vor. Diese haben die H\u00e4user rechtm\u00e4\u00dfig erworben und pl\u00f6tzlich steht der urspr\u00fcngliche Eigent\u00fcmer vor der T\u00fcr. Im Grunde haben beide ein Recht auf das Haus, aber einer von beiden sitzt dann auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Bei uns geht man mit so etwas vor Gericht, aber eine juristische Struktur fehlt hier vollkommen. Das sind neue Probleme, mit denen die Leute konfrontiert sind und die auch neue Not und Armut produzieren, weil vermehrt Leute ohne Dach \u00fcber dem Kopf sind.<br \/>\nIch kann keinen Vergleich zu der Situation vor dem Krieg ziehen, weil ich erst danach ins Land gekommen bin. Ich sehe aber, wie viele Probleme die Bev\u00f6lkerung hat und wie schwierig es ist f\u00fcr die Leute ist, sich zu Recht zu finden.<\/p>\n<p>Ein massives Problem, das alle hier betrifft, ist das immer noch fehlende Management der Stadtverwaltung. Dadurch entstehen st\u00e4ndig kurzfristige Notsituationen, die absolut nicht n\u00f6tig w\u00e4ren. Zum Beispiel streikte letzte Woche das gesamte Personal des unter \u00f6ffentlicher Verwaltung stehenden Medikamenten-Depots und da war die H\u00f6lle los.<\/p>\n<p>Inzwischen ist ja zum Gl\u00fcck mein Kollege George McGuire, auch ein \u00d6sterreicher, eingetroffen. Als Cheflogistiker f\u00fcr den gesamten medizinischen Bereich organisiert er die Medikamentenlieferungen. Das sind t\u00e4gliche Meisterleistungen. Am Funkger\u00e4t kann ich die verzweifelten Rufe von dort nach da verfolgen, die losgehen, wenn zum Beispiel das Depot bestreikt wird. Oder wenn aufgrund von Streiks Lkws nicht abgeladen werden k\u00f6nnen, dann k\u00f6nnen in weiterer Folge Spit\u00e4ler nicht beliefert werden und die Lieferung muss in ein Lagerhaus umdirigiert werden. Ich bin unheimlich stolz auf George, der da drau\u00dfen steht und organisiert und schwitzt und dann daran scheitert, dass eine Lieferung nicht \u00fcbergeben werden kann, weil der Ansprechpartner nicht da ist.<\/p>\n<p>Heute habe ich Besuch aus \u00d6sterreich bekommen. Ein ehemaliger Kollege aus Wien war da und er hat mir Sonnenblumenbrot und K\u00e4se in einem richtigen Billa-Sackerl mitgebracht! Das ist ein Schatz, den ich mit ausgew\u00e4hlten Freunden sehr genie\u00dfen werde.<\/p>\n<p>Fernsehen haben wir zuhause keines mehr, weil unsere Satelliten-Sch\u00fcssel kaputt ist. Es geht uns aber auch nicht ernsthaft ab, wir unterhalten uns gut, spielen alle m\u00f6glichen Spiele. Die Ausgangssperre ab acht Uhr ist eher das Problem f\u00fcr das soziale Leben. Denn wir arbeiten bis sieben \u2013 eine Stunde ist f\u00fcr einen geselligen Abend schon etwas kurz. Deswegen hat es sich eingeb\u00fcrgert, Geburtstagsfeiern ab sechs einzuberufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[66,220,228,369,374],"class_list":["post-1023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-bagdad","tag-ikrk","tag-irak","tag-schloffer","tag-sicherheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1023"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}