{"id":1027,"date":"2003-06-30T13:04:00","date_gmt":"2003-06-30T12:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1027"},"modified":"2003-06-30T13:04:00","modified_gmt":"2003-06-30T12:04:00","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-30-juni-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/06\/30\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-30-juni-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 30. Juni 2003"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein kompletter Stromausfall in ganz Bagdad und die damit verbundene Unterbrechung der Trinkwasserversorgung haben in der Vorwoche f\u00fcr gro\u00dfe Unruhe gesorgt. Auf einen Schlag war in der ganzen Stadt der Strom weg. Wie wenn ein riesiger Schalter umgelegt worden w\u00e4re \u2013 die Ursache ist bis heute nicht gekl\u00e4rt. Manche glauben, es hat mit dem Anschlag auf die Pipeline zu tun. Ger\u00fcchte behaupten, die Coalition Forces strafen die Bev\u00f6lkerung so f\u00fcr Anschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Mit dem Strom versiegt auch das Wasser. Bagdad liegt etwa 30 Meter \u00fcber Meeresniveau, was bedeutet, dass alles Wasser elektrisch in die Leitungen gepumpt werden muss. Bei Temperaturen um die 45 Grad gab es ohne Strom keine K\u00fchlung und kein Wasser. Eisschr\u00e4nke, Ventilatoren, Klimaanlagen und die Trinkwasserversorgung, alles war lahm gelegt.<\/p>\n<p>Wasser und Strom sind Lebensmittel im w\u00f6rtlichen Sinn. Deswegen hat auch das \u00d6sterreichische Rote Kreuz mit einem Teil der Spenden aus der Irak-Hilfsaktion einen Tanklaster finanziert. \u00dcber viele Umwege ist er aus Amman nach Bagdad unterwegs, die direkte Hauptroute zu ben\u00fctzen ist zu gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Auch wir haben die Stromausf\u00e4lle ordentlich gesp\u00fcrt und versucht einzuspringen. Dort wo ganze Stadtviertel ohne Wasser und Strom waren, haben wir mit 18 Tankfahrzeugen die Bev\u00f6lkerung notd\u00fcrftig mit Wasser versorgt. Bei der Verteilung bekommt man auch zu sp\u00fcren, wie aufgebracht die Einwohner sind. Die Ungeduld in der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den Besatzern steigt sp\u00fcrbar. Gegen uns gibt es keine Aggressionen, aber die Geduld mit der Administrationen ersch\u00f6pft sich sichtlich. Die Menschen verstehen nicht, warum nichts da ist und alles schlechter funktioniert als vor dem Krieg. Niemand w\u00fcnscht sich fr\u00fchere Zeiten zur\u00fcck, aber die Menschen sind immer unwilliger zu verstehen, was das gro\u00dfe Problem ist, das sie davon abh\u00e4lt, wieder ein normales Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Rote Kreuz hat ja auch schon w\u00e4hrend der Angriffe laufend Wasserwerke repariert, das ist zwar eine sehr unspektakul\u00e4re Arbeit, aber in der Woche des Stromausfalls hat sich gezeigt, wie wichtig das ist. Die von uns installierten Generatoren haben 40 Prozent der Wasserversorgung aufrecht gehalten. Das bedeutet in einer Metropole wie Bagdad, dass die Versorgung von etwa zwei Millionen Menschen gew\u00e4hrleistet war.<\/p>\n<p>Bei solchen Ereignissen kommen zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle auf. Einerseits freuen wir uns, dass wir helfen k\u00f6nnen, andererseits ist es schwierig zu beobachten, dass immer noch das pure Chaos herrscht.<\/p>\n<p>In den l\u00e4ndlichen Gegenden ist die Versorgung noch schlechter, unsere Wasserteams sind st\u00e4ndig drau\u00dfen. Seit dem Krieg haben sie bereits 49 Pumpanlagen instand gesetzt und so f\u00fcr 3,5 Millionen Menschen die Versorgung verbessert, 62 Gesundheitszentren sind mit Wasser versorgt, was 14.000 Patienten betrifft.<\/p>\n<p>Wie der Strom dann wieder eingeschalten wurde, gab es extreme Schwankungen. Der Endeffekt war ein veritabler Kabelbrand in meinem Zimmer. Zum Gl\u00fcck war ich nicht drinnen &#8211; die Flammen gingen mir bis zur Schulter. Wir haben im Wohnzimmer gespielt und zwei Kracher geh\u00f6rt. Nachdem Pistolensch\u00fcsse nichts Besonderes mehr sind, haben wir dem keine gro\u00dfe Beachtung geschenkt. Dann aber haben wir den Brandgeruch in der Nase gehabt. Im Stiegenhaus war schon alles vernebelt. Ein paar Minuten sp\u00e4ter und das ganze Haus w\u00e4re in Flammen gestanden. Wir konnten den Brand zwar l\u00f6schen, aber danach war alles Schwarz. B\u00fccher, Kleidung, Papiere, meine gesamten Habseligkeiten. Die halbe Nacht haben wir aufger\u00e4umt. Unser Haus hie\u00df im internen Jargon \u201eMaison blanche\u201c \u2013 das wei\u00dfe Haus. Wir haben es umgetauft \u2013 auf das \u201eSchwarze Haus\u201c.<\/p>\n<p>Die Sicherheitslage auf den Stra\u00dfen ver\u00e4ndert sich sp\u00fcrbar. Angriffe auf die Coalition Forces mehren sich. Wir schauen, dass wir nie in die N\u00e4he von milit\u00e4rischem Personal kommen. Im Kontrast dazu normalisiert sich das Leben auf der Stra\u00dfe, die Gesch\u00e4fte haben am Abend auch l\u00e4nger offen, die Pl\u00fcnderungen gehen zur\u00fcck. Man kann in Restaurants essen gehen, es herrscht Hochbetrieb auf den Stra\u00dfen, die Ampeln stehen immer noch permanent auf Rot und werden konsequent ignoriert \u2013 das einzige, was dir eine rote Ampel sagt, ist: Ja, es ist Strom in der Ampel. Manchmal frage ich mich, wie sich diese Angewohnheit in \u00d6sterreich auswirken wird, wenn ich wieder da bin.<\/p>\n<p>Das \u00f6sterreichische Herz in meiner Brust konnte sich heute \u00fcber einen sch\u00f6nen Erfolg freuen. Die Onkologin Eva-Maria Hobiger versucht seit eineinhalb Jahren, Ger\u00e4te zur Herstellung von Blutkonserven in den Irak zu bringen. Das \u00d6sterreichische Rote Kreuz hat sie dabei unterst\u00fctzt. Wir sind aber bisher immer an den UN-Sanktionen gescheitert. Jetzt endlich sind die Ger\u00e4te in Basra angekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[66,84,203,220,228,473,369],"class_list":["post-1027","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-bagdad","tag-blut","tag-hobiger","tag-ikrk","tag-irak","tag-osterreich","tag-schloffer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1027"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1027\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}