{"id":1034,"date":"2003-07-30T13:53:15","date_gmt":"2003-07-30T12:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1034"},"modified":"2003-07-30T13:53:15","modified_gmt":"2003-07-30T12:53:15","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-30-juli-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/07\/30\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-30-juli-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 30. Juli 2003"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die ersten Tage nachdem unser Kollege Nadisha Yasassri Ranmuthu ums Leben gekommen ist, waren wir wie paralysiert. Nadisha ist am 22. Juli gestorben, nachdem sein Auto von Unbekannten auf der Stra\u00dfe zwischen Hilla und Bagdad beschossen wurde. Es sind \u201estrange days\u201c, wir befinden uns in einer sehr eigenartigen Situation.<br \/>\nDa ist einmal die emotional psychologische Ebene. Wir haben jeden Tag mit Nadisha gearbeitet, er war so ein freundlicher, lieber Mensch. Am Tag nach seinem Tod h\u00e4tte er nach Hause fliegen sollen, sein Vertrag war zu Ende, er hat sich so auf seine Frau und seine Tochter gefreut, hat noch Geschenke eingekauft. Das trifft einen nat\u00fcrlich pers\u00f6nlich und hinterl\u00e4sst einen schockartigen Zustand.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte jedem von uns passieren k\u00f6nnen, allein an diesem Tag waren vier Rotkreuz-Autos auf dieser Strecke unterwegs. Diese Attacke war sehr schockierend f\u00fcr uns, wir wissen nicht, warum das passiert ist, das macht es schwierig, die Lage und die tats\u00e4chliche Bedrohung einzusch\u00e4tzen. Den ganzen Krieg \u00fcber haben wir hier gearbeitet, seit 1980 ist das Rote Kreuz ohne Unterbrechung im Irak. Die Leute im Irak kennen uns und wissen, dass wir unabh\u00e4ngig sind und die ganze Zeit \u00fcber geholfen haben. Bisher hatten wir das Gef\u00fchl, dass wir Vertrauen genie\u00dfen. Jetzt m\u00fcssen wir alles hinterfragen.<\/p>\n<p>Der einzige Unfall in diesen 23 Jahren war der Tod eines Mitarbeiters im April, der in Bagdad in ein Kreuzfeuer geraten ist. Damals war ich noch in \u00d6sterreich &#8211; ich erinnere mich, dass ich am Tag vorher meiner Mutter gesagt habe, dass ich in den Irak gehe. Ich habe sie dann beruhigt.<\/p>\n<p>Auf der praktischen Ebene sind Entscheidungen getroffen worden. Die Sicherheitsvorkehrungen f\u00fcr Rotkreuz-Mitarbeiter wurden verst\u00e4rkt. Unser Bewegungsrahmen in der Stadt ist auf ein Areal eingeschr\u00e4nkt, das ungef\u00e4hr so gro\u00df ist wie die Fl\u00e4che zwischen Karlsplatz, Wienzeile und Wiedner Hauptstra\u00dfe. Es gibt nur noch ein Restaurant in ganz Bagdad, in das wir gehen d\u00fcrfen. Die Ausgangssperre ist wieder auf acht Uhr abends vorverlegt worden, wir fahren nicht mehr in unseren markierten Autos, ein Shuttleservice wurde aufgebaut. Die Bewegungsfreiheit ist jetzt mehr eingeschr\u00e4nkt wie kurz nach dem Krieg. Manchmal f\u00fchlt man sich wie eingesperrt in diesem Schutzwall.<\/p>\n<p>Am Anfang, kurz nach dem Krieg, war Ausnahmezustand. Langsam ist alles ins Laufen gekommen, t\u00e4glich konnte man Fortschritte beobachten. Wir hatten uns daran gew\u00f6hnt, im ganzen Land pr\u00e4sent zu sein, herumzufahren, uns zu bewegen, die Spit\u00e4ler zu besuchen und zu beliefern. Jetzt ist wieder alles anders geworden. Wir haben die Hilfsoperationen im Land noch nicht wieder hochgefahren, die Verantwortung f\u00fcr jeden Mitarbeiter ist das Wichtigste.<br \/>\nSolange wir nicht wissen, wie bedrohlich die Lage ist, kann man die Leute nicht der Gefahr aussetzen. Einige der Rotkreuz-Aktivit\u00e4ten laufen zurzeit reduziert, f\u00fcr uns gibt es psychologische Betreuung und die internationalen Mitarbeiter, die Angst haben, k\u00f6nnen das Land verlassen. Es werden wohl einige von uns internationalen Mitarbeitern erst einmal nach Hause fliegen und dort abwarten.<\/p>\n<p>Bei allem Entsetzen und pers\u00f6nlicher Beteiligung darf man aber nicht \u00fcbersehen, dass auch das irakische Volk Ziel von Attacken ist. Entf\u00fchrungen und \u00dcberf\u00e4lle sind an der Tagesordnung und die Leute hier haben Angst.<\/p>\n<p>Ich habe bald turnusm\u00e4\u00dfig meine zehn freien Tage, die werde ich in Jordanien verbringen und dann wieder nach Bagdad zur\u00fcckkommen. Ich hoffe, dass es dann weitergeht. Weil wir wollen ja weiter arbeiten f\u00fcr die Leute im Irak, es tut uns leid, dass wir manche Aktivit\u00e4ten nach den Trauertagen aus Sicherheitsgr\u00fcnden noch nicht wieder aufnehmen konnten. Die Arbeit geht trotzdem weiter. Gut 700 Mitarbeiter des irakischen Roten Halbmonds sind nach wie vor ununterbrochen im Einsatz.<\/p>\n<p>Auch der Suchdienst f\u00fcr vermisste Angeh\u00f6rige l\u00e4uft schon wieder auf Hochtouren. Inzwischen warten t\u00e4glich gut tausend Menschen vor unserem B\u00fcro auf die M\u00f6glichkeit, mit Verwandten telefonieren zu k\u00f6nnen. Um sie vor der sengenden Sonne zu sch\u00fctzen, haben wir den Vorplatz \u00fcberdacht. Fliegende H\u00e4ndler haben rundherum Marktst\u00e4nde errichtet, um die Wartenden zu versorgen.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich nicht bedroht oder habe das Gef\u00fchl ich will da weg. Ganz im Gegenteil, ich m\u00f6chte weitermachen und hier bleiben. Aber es sind eben Strange Days. Du versuchst, nicht daran zu denken, weiterzumachen, ein normales Leben unter diesen Umst\u00e4nden zu f\u00fchren. Zwischen Arbeit und Ausgangssperre versuchst du dich noch schnell zu treffen. Gestern haben wir zwischen sechs und acht Uhr abends ein \u201eFastfood-Barbeque\u201c veranstaltet \u2013 schnell einheizen, schnell grillen, schnell essen und schnell nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[66,121,220,256,413],"class_list":["post-1034","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-bagdad","tag-delegierter","tag-ikrk","tag-krieg","tag-tod"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1034","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1034"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1034\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}