{"id":1037,"date":"2003-08-28T13:55:30","date_gmt":"2003-08-28T12:55:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=1037"},"modified":"2003-08-28T13:55:30","modified_gmt":"2003-08-28T12:55:30","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-amman-28-august-03","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/08\/28\/mein-tagebuch-der-hilfe-amman-28-august-03\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Amman, 28. August &#8217;03"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zur\u00fcck nach Bagdad nach 10 Tagen in Jordanien, Totes Meer und der Ruinenstadt Petra, vom Strand aus kann ich das Westjordanland sehen. \u201eCompensation\u201c hei\u00dft der turnusm\u00e4\u00dfige Urlaub f\u00fcr die Delegierten des IKRK. Auf die Arbeit in Bagdad habe ich mich schon gefreut, aber mein Aufenthalt war nur mehr kurz. Schon bei meiner Ankunft habe ich klar gesp\u00fcrt, wie sehr sich die Sicherheitslage verschlechtert hat. Immer mehr Drohungen, immer mehr Anschl\u00e4ge auf die Coalition Forces. Immer mehr Anrufe von Journalisten aus der ganzen Welt, die aus erster Hand wissen wollen, wie es steht.<\/p>\n<p>Nach den M\u00fchen der Ebene, den t\u00e4glichen, stillen Dramen, werden wir nicht gefragt: Besuche von Gefangenen und zivilen Internierten, deren einzige Verbindung zur Au\u00dfenwelt wir sind. Der Austausch von Rotkreuz-Botschaften, deren einzige M\u00f6glichkeit, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Und die nicht abrei\u00dfende Suche nach den Vermissten. T\u00e4glich kommen noch immer hunderte Menschen zur Rotkreuz-Delegation, um Suchantr\u00e4ge abzugeben, nachzusehen, ob Nachrichten ihrer Angeh\u00f6rigen da sind oder ob wir jemanden gefunden haben. Jedem dieser Menschen wird individuell geholfen. Der Platz vor der IKRK-Delegation hat zum Schluss schon fast Jahrmarkt-Charakter angenommen. H\u00e4ndler haben ihre St\u00e4nde aufgebaut, um Snacks und Trinkwasser an die Wartenden zu verkaufen. Im Land geht auch die Versorgung der Spit\u00e4ler und die Wiederherstellung der Wasserversorgung weiter \u2013 f\u00fcr die internationale Presse Schnee (oder besser: Sand) von gestern. St\u00e4ndig muss ein neuer Hund durchs Dorf laufen.<\/p>\n<p>Dann der Anschlag auf das Canal-Hotel, auf das irakische Hauptquartier der UNO. Ich habe die Explosion geh\u00f6rt, sie aber nicht weiter zur Kenntnis genommen. Die st\u00e4ndigen Schie\u00dfereien und Explosionen, da f\u00e4llt eine mehr oder weniger nicht auf, das wird zur Routine. Auch deshalb die immer strengeren Sicherheitsauflagen: Damit die Routine nicht zu Nachl\u00e4ssigkeit wird. Schon bei meiner R\u00fcckkehr aus Jordanien galten wieder dieselben strikten Sicherheitsrichtlinien wie unmittelbar nach dem Krieg: Morgens direkt in die Delegation, abends direkt zur\u00fcck nach Hause. St\u00e4ndiger Funkkontakt mit der Delegation, damit die Kollegen wissen, wo man gerade ist. Ausgangssperre. Keine Eink\u00e4ufe mehr, keine Restaurantbesuche mehr, alles, um das Risiko zu vermindern, versehentlich etwa in ein Feuergefecht zu geraten. Gedanken an unseren Kollegen und Freund Nadisha Yasassri, der am 22. Juli in seinem Rotkreuz-Jeep erschossen wurde.<\/p>\n<p>Erst als nach der Explosion am 19. August mehr Hubschrauber in der Luft und mehr Ambulanzen in den Stra\u00dfen sind als \u00fcblich, habe ich gewusst, dass etwas anders ist als sonst. Dann war aus meinem Fenster schon die riesige Rauchwolke zu sehen und das Ausma\u00df des Anschlages bald klar. In dem Geb\u00e4ude waren auch UN-Mitarbeiter, mit denen ich gearbeitet habe. Klar war aber vor allem noch etwas: Auch die humanit\u00e4ren Organisationen sind jetzt nicht mehr vor Anschl\u00e4gen gefeit.<\/p>\n<p>Es hat keine drei Tage gedauert, um die komplette Delegation umzuorganisieren. Damit die Arbeit mit m\u00f6glichst wenigen internationalen Mitarbeitern weitergehen kann, die am st\u00e4rksten gef\u00e4hrdet sind. Bewaffneter Schutz kommt f\u00fcr uns nicht in Frage. Wer den in Anspruch nimmt, ist f\u00fcr oder gegen etwas oder jemanden, wird Partei. Aber wir kommen nicht als Feinde. Humanit\u00e4re Organisationen sind abh\u00e4ngig von der Akzeptanz ihrer Arbeit. Wir k\u00f6nnen unsere Hilfe niemandem aufzwingen. Doch in den allermeisten F\u00e4llen ist es m\u00f6glich, sie durch \u00dcberzeugungsarbeit durch die Checkpoints zu bringen. Dazu m\u00fcssen wir jeden Konfliktteilnehmer davon \u00fcberzeugen, einen humanit\u00e4ren Freiraum offen zu lassen, damit wir durchkommen. Es ist wichtig, f\u00fcr dieses bisschen Akzeptanz, das wir brauchen, zu k\u00e4mpfen. Mit Engelszungen zu reden, w\u00e4hrend jemand mit seinem Gewehr vor deinem Gesicht herumfuchtelt. Die Akzeptanz ist gegeben, wenn unsere Hilfe als neutral, unabh\u00e4ngig und unparteilich angesehen wird. Wenn die humanit\u00e4re Aktion keine Partei ergreift, keine Unterscheidung zwischen den Opfern vornimmt, ausschlie\u00dflich nach dem Ma\u00df der Not hilft, nur im Interesse der Opfer handelt und dabei keine versteckten Hintergedanken politischer Natur hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist diese Einstellung selbstverst\u00e4ndlich. In einer Situation wie jetzt muss man sich allerdings fragen, ob alle wissen, dass wir unsere Hilfe neutral und unparteilich leisten.<\/p>\n<p>Unter den internationalen IKRK-Mirarbeitern, die schlie\u00dflich aus Bagdad ausgeflogen wurden, war auch ich. Ich habe soviel wie m\u00f6glich an Kollegen, die geblieben sind, weitergegeben, damit sie weitermachen k\u00f6nnen. Von Amman aus mache auch ich \u201eper Fernsteuerung\u201c weiter. Das ist extrem frustrierend. Die Kollegen vor Ort m\u00fcssen jetzt mit weniger Leuten wesentlich mehr Aufgaben unter wesentlich schwierigeren Bedingungen erf\u00fcllen. Den Preis zahlen die Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Denn es ist schwieriger geworden, Medikamente zu verteilen, Spit\u00e4ler zu besuchen, das Water and Sanitation-Programm weiterzuf\u00fchren. Der Bedarf an Hilfe wird nicht geringer, jeden Tag stehen wieder hunderte Menschen vor der Delegation. Man leidet mit, kann aber selbst kaum mehr mithelfen. Man l\u00e4sst Freunde zur\u00fcck, mit denen man in guten Momenten zusammen gefeiert und in schlechten gemeinsam getrauert hat. Man hat sich nicht einmal richtig von ihnen verabschieden k\u00f6nnen und wei\u00df nicht, ob man zur\u00fcckkommen wird.<\/p>\n<p>Hier in Amman haben auch die n\u00e4chtlichen Schachspiele bei 45 Grad aufgeh\u00f6rt. Ich habe vor meinem Abflug rasch gepackt, f\u00fcr mein Schachbrett war kein Platz mehr, und ich habe es in Bagdad zur\u00fccklassen m\u00fcssen. Diese Woche bin ich noch in Amman. Wo ich n\u00e4chste Woche sein werde, wei\u00df ich selbst noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK \u2013 mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[57,66,108,119,154],"class_list":["post-1037","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-amman","tag-bagdad","tag-compensation","tag-delegation","tag-evakuierung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1037","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1037"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1037\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}