{"id":2882,"date":"2014-07-21T23:16:03","date_gmt":"2014-07-21T22:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=2882"},"modified":"2014-07-21T23:16:03","modified_gmt":"2014-07-21T22:16:03","slug":"acht-graeber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2014\/07\/21\/acht-graeber\/","title":{"rendered":"Acht Gr\u00e4ber"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2885\" aria-describedby=\"caption-attachment-2885\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2885 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog3-300x199.jpg\" alt=\"blog3\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2885\" class=\"wp-caption-text\">B. Kamara gibt die Befehle<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Pr\u00e4zise und genau gibt B. Kamara die Befehle. Handschuhe ausziehen, den Overall \u00f6ffnen, vorsichtig ausziehen, nur innen ber\u00fchren. Dazwischen werden immer wieder die H\u00e4nde desinfiziert. \u201eNein!\u201c, sagt er ruhig, \u201cZuerst die Brille und die Maske runter- erst dann das 2. Paar Handschuhe ausziehen.\u201c Es ist der 2. Tag der Ausbildung \u201emeiner Jungs\u201c. 14 Leute haben sich freiwillig f\u00fcr das Burial Team gemeldet- es sind Freiwillige des Sierra Leone Roten Kreuzes (SLRC). Ihre Aufgaben werden unter anderem sein: verstorbene Patienten aus dem Krankenhaus von \u201e\u00c4rzte ohne Grenzen\u201c abzuholen und zu begraben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die weitaus gef\u00e4hrlichere Arbeit wird die Desinfektion von Verstorbenen sein. Wenn Patienten zu Hause versterben, sind sie stark infekti\u00f6s. Hier ist besondere Vorsicht geboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"text-decoration: underline\"><strong>EIne unbezahlbare Arbeit<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">B. Kamara ist einer von zwei neuen Teamleadern. Sie werden f\u00fcr jeweils sieben Leute verantwortlich sein. Unter seiner Anleitung werden Leichen mit Chlor desinfiziert, in Leichens\u00e4cke gepackt, begraben und anschlie\u00dfend wird das Wohnhaus mit Chlor ausgespr\u00fcht. Warum er sich das antut wird er gefragt: \u201eUm Ebola aus Sierra Leone zu vertreiben\u201c. Wegen dem Geld macht das hier niemand. Umgerechnet nicht einmal 4 Dollar verdient man mit der Arbeit pro Tag. Daf\u00fcr ist man mehrere Stunden in einem Ganzk\u00f6rper- Schutzanzug, schwitzt und hat Angst vor Ebola. Es gibt bereits ein Team, das seit fast zwei Monaten diese Arbeit erledigt. \u201eMeine Freunde, die davon wissen, sprechen nicht mehr mit mir, meine Familie hat Angst\u201c, meint Momoh, der Teamleader des sehr gut eingespielten Teams. Er hilft den Neuen so gut er kann. Jeder Fehler im Feld kann t\u00f6dlich sein. Daher wird jeden Tag das An- und Ausziehen geprobt. Ohne Befehl des Teamleader geht nichts. Vertrauen ist ein wichtiges Wort hier in Kailahun. Das Team des SLRC vertraut mir, dass ich ihnen die richtige Ausr\u00fcstung besorge- alles, was sie brauchen und sie trainiere. Die Mitglieder vertrauen Kamara und der muss seinen Leuten vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><span style=\"text-decoration: underline\">Wie sch\u00fctzt man seine Lieben?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWie k\u00f6nnen wir uns und unsere Familien sch\u00fctzen?\u201c werde ich gefragt. \u201eIndem Ihr ihnen immer wieder sagt, dass Ihr nicht infekti\u00f6s seid, wie man Ebola bekommen kann und dass wir auf Euch aufpassen. Ich w\u00fcrde keinen Freiwilligen Rotkreuz Mitarbeiter in Europa in eine solche Mission schicken, wenn ich nicht von seiner Schutzausr\u00fcstung und seinem K\u00f6nnen \u00fcberzeugt w\u00e4re. Das gleiche geschieht hier. Ihr werdet alles IMMER so machen, wie wir es \u00fcben, dann kann Euch nichts geschehen.\u201c Mehr kann ich nicht sagen. Ich meine jedes Wort so, wie ich es gesagt habe. Trotzdem bleibt das schlechte Gewissen. Ich habe keine Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich sorge mich um ihre Reputation, die Freunde, das Privatleben. DAS kann ich nicht beeinflussen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pause\u2026 Jetzt zeige ich, wie man die Chlorl\u00f6sung mischt. Das Ebola Virus ist sehr ansteckend, kann aber mit einer niedrigen Chlordosis unsch\u00e4dlich gemacht werden. W\u00e4hrend wir die Cholera in Haiti mit bis zu 2mg Chlor pro Liter Wasser bek\u00e4mpft haben, reichen bei Ebola bereits 0,5mg Chlor pro Liter. \u201e10 Liter fasst der Sprayer. Also gebt bitte 10 Essl\u00f6ffel Chlor hinein\u201c. Meine Warnung, Chlor nur mit Schutzausr\u00fcstung an zumischen und das m\u00f6glichst im Freien wird anfangs noch eher bel\u00e4chelt. Sp\u00e4testens als der 1. Tapfere den Chlorbeh\u00e4lter \u00f6ffnet und den ersten L\u00f6ffel ins Wasser geben will glauben es die anderen. Nachdem er nicht nur einen Essl\u00f6ffel Chlor sondern auch eine Nase voll Chlor genommen hat, nimmt er Rei\u00dfaus und gibt den L\u00f6ffel erst einmal weiter. Er braucht eine Pause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Danach wird jeder Mal den Sprayer umschnallen und vorsichtig die Wand des Hauses mit Wasser abspr\u00fchen. So soll jeder ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das Ger\u00e4t bekommen. Alles, was potentiell infekti\u00f6s ist, muss bespr\u00fcht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das war dann genug f\u00fcr den Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"text-decoration: underline\"><strong>Wie geht man mit dem Tod um?<\/strong><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_2884\" aria-describedby=\"caption-attachment-2884\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2884 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog2-300x199.jpg\" alt=\"blog2\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2884\" class=\"wp-caption-text\">Acht Gr\u00e4ber an einem Tag<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Team von B. Kamara hat heute noch einen letzten Punkt. Er und seine Leute werden die Kollegen bei der Arbeit- der Abholung und dem Begr\u00e4bnis von Leichen begleiten. So sehen sie, was sie erwartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">8 Menschen sind es heute, die beerdigt werden m\u00fcssen. Nach einst\u00fcndigem Warten auf den Leichenwagen geht es los. Der Leichenwagen ist gleichzeitig die Ambulance. In ihr werden Tote, Verdachtsf\u00e4lle und Erkrankte transportiert. Wir m\u00fcssen also warten, bis sie gerade frei ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">B. Kamara bleibt an Momohs Seite, m\u00f6chte jeden Handgriff erlernen. Ich mag ihn, auch wenn ich ihn bald nicht mehr sehen werde. Es wird f\u00fcr mich nach Hause gehen. Aber bis dahin versuche ich meinen Kollegen aufzubauen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2883\" aria-describedby=\"caption-attachment-2883\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2883 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog1-300x199.jpg\" alt=\"blog1\" width=\"300\" height=\"199\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2883\" class=\"wp-caption-text\">Jeder Fehler kann t\u00f6dlich sein<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit viel Respektabstand wird das Verladen der ersten beiden K\u00f6rper beobachtet. Wir fahren etwa 200 m mit dem Wagen. Der erste Friedhof mitten im Dschungel ist mit 16 Gr\u00e4bern bereits voll. Heute wurde quasi das 2. Teilst\u00fcck er\u00f6ffnet. Als wir dort ankommen, haben die \u201eGr\u00e4ber\u201c bereits 8 L\u00f6cher ausgehoben. Sie graben niemals mehr als ben\u00f6tigt. Dies w\u00fcrde den Tod anziehen meinen sie. Die ersten beiden K\u00f6rper werden begraben. W\u00e4hrend das Team die n\u00e4chsten beiden holt, bleiben meine Leute da und warten. Sie reden wenig und schauen nur. Die n\u00e4chsten beiden K\u00f6rper sind jeweils 11 Jahre alt. Auf den Leichens\u00e4cken steht der Name, die Herkunft, der Todestag und das Alter. Ich bin viel gewohnt, aber auch ich kann mir eine Tr\u00e4ne nicht verkneifen, wende mich ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach bereits 4 Leichen beschlie\u00dfen wir, zu Fu\u00df zum Lager zur\u00fcckzugehen. Es sind 200m und wir m\u00f6chten noch beim 1. Friedhof vorbei schauen, der auf halbem Wege liegt. Es ist still, als wir den Menschen die letzte Ehre erweisen. Katherine ist bei uns. Sie ist die PR Verantwortliche, die uns einige Tage besucht. Auch sie ist in ihren Gedanken versunken. Bevor wir gehen fragt sie mein Team, was sie von alldem halten. Die Leute, die hier liegen, haben vor 2 oder 3 Wochen noch in ihrem Dorf gewohnt. Keiner mag so wirklich Antwort geben. Einige beten leise. \u201eEs ist unfair!!\u201c, sagt schlie\u00dflich jemand. Mehr auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Ende jedes Begr\u00e4bnisses werden Gebete vom Team und den \u201eGr\u00e4bern\u201c gesprochen. Eines f\u00fcr Muslime eines f\u00fcr Christen. So ist das in Kailahun. Selbst im Tod bleibt man gemeinsam und denkt an alle gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><span style=\"text-decoration: underline\">Und es geht weiter&#8230;. jeden Tag<\/span><\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2886\" aria-describedby=\"caption-attachment-2886\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2886 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/07\/blog4-300x199.jpg\" alt=\"blog4\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2886\" class=\"wp-caption-text\">Stolz auf mein Team<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Morgen wird wieder ein Tag sein. Es wird wieder ein Training geben. Von B. Kamaras Team wird einer nicht kommen. Er will nicht mehr mit machen. Ich verstehe ihn nur zu gut und nehme an, es werden ihm weitere folgen. Ich hoffe, dass \u201emeine Jungs\u201c- die meisten von ihnen sind halb so alt wie ich- in einer Woche gut genug sein werden, um ihre Arbeit aufzunehmen. Ich werde es leider nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Ich bin dann in Wien einige tausend Kilometer weg. Daniel, mein Nachfolger und Jose, ein Kollege von der WHO werden das Training weiter f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe sie gebeten B. Kamara als Teamleader zu behalten. Er ist gewissenhaft und gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch ich werde beten- seit langem wieder einmal- und hoffe, dass meinen Jungs bei ihrer schweren Arbeit nichts passiert- irgendwo in Kailahun wo Ebola zuhause ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4zise und genau gibt B. Kamara die Befehle. Handschuhe ausziehen, den Overall \u00f6ffnen, vorsichtig ausziehen, nur innen ber\u00fchren. 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