{"id":2999,"date":"2014-12-19T22:36:51","date_gmt":"2014-12-19T21:36:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=2999"},"modified":"2014-12-19T22:36:51","modified_gmt":"2014-12-19T21:36:51","slug":"weihnachten-war-fuer-mich-gestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2014\/12\/19\/weihnachten-war-fuer-mich-gestern\/","title":{"rendered":"Weihnachten war f\u00fcr mich gestern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Weihnachten war f\u00fcr mich gestern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Vor 4 Wochen ging mein Einsatz in Monrovia zu ende. Was danach kam, ist bekannt:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Inkubationszeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Wort, das vielen Menschen Angst macht. Wir haben versucht, die Zeit als \u201eCool Down Phase\u201c zu etablieren. Es h\u00f6rt sich ungef\u00e4hrlich an- es WAR und IST in meinem Fall\u00a0ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was macht man in einer Cool Down Phase oder was macht man nicht? Zun\u00e4chst mal ist man bzw. war ich NICHT infekti\u00f6s. Ich verstehe die Angst vieler Menschen, dass Ebola auch hier ausbrechen k\u00f6nnte und das ich unter Umst\u00e4nden ein \u00dcbertr\u00e4ger sein k\u00f6nnte. Genau daf\u00fcr haben wir eben vorgesorgt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich war nicht im Kino, Theater oder auf Konzerten. Ich ha be kein Theater gespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Fakten hierzu:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Eine Infektion und damit eine \u00dcbertragung kann nur stattfinden, wenn man selbst, also ich, Symptome hat.<\/em><\/p>\n<h1 style=\"text-align: center\">Das sind unter anderem <strong>Fieber &gt;38\u00b0C, \u00dcbelkeit, Erbrechen, Durchfall, starke Kopf- und Glieder Schmerzen.<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine \u00dcbertragung findet durch Bushmeat (Fleisch von Wildtieren), Ber\u00fchren von Exkrementen Erkrankter und sich danach ins Auge fassen und Ber\u00fchren von an Ebola Verstorbenen statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bushmeat, also Affen, Flughunde- eine gro\u00dfe Fledermausart-, .. ist auch in \u00d6sterreich schwer zu bekommen. Dies f\u00e4llt somit aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">An Ebola verstorben ist auch bei uns zum Gl\u00fcck noch niemand. Also scheidet auch die Infektionsquelle aus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bleiben noch Exkremente von Erkrankten. Ich bin nicht erkrankt, ich war nicht erkrankt und hatte weder Durchfall noch Fieber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man h\u00f6rte Horrorszenarien aus verschiedenen L\u00e4ndern. Kranke Menschen sind U Bahn gefahren,\u2026 Es ist nichts passiert. Nat\u00fcrlich war es auch Gl\u00fcck, war es evt. Auch eher Panik, Angst als wirklich Gefahr. Um hier in \u00d6sterreich vorzubeugen wurde die Cool Down Phase eingef\u00fchrt. Ich machte es mir in einem kleinen H\u00e4uschen in der Steiermark gem\u00fctlich, ging ein bisschen Nordic Walken auf die Felder, wo Fuchs und Hase sich \u201eGute Nacht\u201c sagen und mied K\u00f6rperkontakt. Konzerte, Kino und Theater waren tabu. Zweimal t\u00e4glich habe ich Fieber gemessen und einmal t\u00e4glich mit meiner Chefin telefoniert, sie davon \u00fcberzeugt, dass ich lebendig und gesund bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vom medizinischen Standpunkt aus w\u00e4re es vermutlich sogar egal weil fast risikofrei\u00a0gewesen, da OHNE Symptome und Ausbruch der Erkrankung kein Risiko bestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3002\" aria-describedby=\"caption-attachment-3002\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3002 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/IMG_20141204_110914-225x300.jpg\" alt=\"IMG_20141204_110914\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/IMG_20141204_110914-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/IMG_20141204_110914-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/IMG_20141204_110914.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3002\" class=\"wp-caption-text\">Wir haben als Rotes Kreuz eine Verantwortung<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Rotes Kreuz haben wir aber eine Verantwortung allen Menschen gegen\u00fcber und wollten bewusst nicht auch noch zus\u00e4tzlich Angst sch\u00fcren. In der Medizin ist ja bekanntlich nichts 100 %ig. Also ging es ab in die Isolation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Anfang dachte ich noch: alles kein Problem, alles locker. Doch nach 5 Wochen Einsatz, wo es keinerlei Ber\u00fchrung, kein H\u00e4nde sch\u00fctteln gab, lechzt man nach jedem Kontakt. Dies musste jetzt noch weitere drei Wochen warten. Es hatte zwei Dinge zur Folge: Lagerkoller und ein Bed\u00fcrfnis nach Umarmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Lesen, das Fernsehen, Internet und leider auch das Essen waren meine Besch\u00e4ftigungen- nicht sehr ergiebig aber sch\u00f6n, wenn man davor 60 Stunden und mehr pro Woche gearbeitet hat. Ich konnte sogar f\u00fcr unsere Musicalauff\u00fchrung \u00fcben. Skype sei Dank gab es Feedback von unserem Kursleiter.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center\"><strong>Menschen, die mich heute sehen haben oftmals nur eine Frage: \u201eBist Du eh nicht mehr infekti\u00f6s?\u201c<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\">Danach grinsen sie mehr oder wenig unsicher. <strong>Nein, ich bin nicht mehr infekti\u00f6s<\/strong>&#8211; ich war es nie. Sie meinen es nicht b\u00f6se, sie wissen es nicht genau. Sie sind unsicher, hoffentlich nicht \u00e4ngstlich. Zur Erinnerung: Man ist nur infekti\u00f6s, wenn man die Erkrankung hat, Symptome zeigt und andere Menschen mit den Exkreten Kontakt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Einer der sch\u00f6nsten Augenblicke f\u00fcr mich war, als ich nach der Cool Down Phase in unsere Theatergruppe kam und alle her gest\u00fcrmt sind und mich umarmt haben. Ich hatte vor meinem Abflug alles genau erkl\u00e4rt- also von wegen Symptomen und so. Gaby war die erste und ich w\u00e4re fast zur\u00fcck gewichen, weil ich so viel Zuneigung nicht mehr gewohnt war. Es war neben meiner Frau der herzlichste Empfang in \u00d6sterreich und ein sehr warmer.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3001\" aria-describedby=\"caption-attachment-3001\" style=\"width: 584px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3001 size-large\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/20141203_193305-1024x768.jpg\" alt=\"20141203_193305\" width=\"584\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/20141203_193305-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/20141203_193305-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/20141203_193305-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3001\" class=\"wp-caption-text\">Videokonferenz mit der Rotkreuz Jugend des LV Wien<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hatte auch einen total netten Vortrag bei der RK Jugend des Wiener Roten Kreuzes- innerhalb der Inkubationszeit. Daher haben wir einfach Skype benutzt. ca. 70 min. gab es Bilder, Geschichten vom Einsatz und wurden Fragen beantwortet. Ein tolles Erlebnis<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was blieb von f\u00fcnf Wochen Einsatz im Ebolagebiet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, die Geburtenstation wurde er\u00f6ffnet und l\u00e4uft. Ein tolles Gef\u00fchl, dies vollbracht zu haben. Es gibt wieder ein klein wenig mehr Normalit\u00e4t. Wir sind aber weit von jeder Besserung entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Derzeit erkranken ca. 30-50 Menschen pro Woche in Liberia. Jeder neu Erkrankte hat eine Familie und somit potentiell ca. 5-20 Menschen evt. infiziert. Diese m\u00fcssen beobachtet werden. Schlimmer ist es in Sierra Leone: Hier gibt es t\u00e4glich etwa 30 bis 40 neue Erkrankungen- ca. 250 pro Woche, 1.000 pro Monat. Nat\u00fcrlich ist die Zahl gegen\u00fcber anderen Erkrankungen nicht so hoch aber aufgrund der rasanten Ausbreitungsgeschwindigkeit kann sich alles weiter ausbreiten. Auch dieser Ebola Ausbruch hat mit EINEM Fall begonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was blieb sind auch eine Menge Pressetermine, die mich quer durch Wien und quer durch die Medienlandschaft gef\u00fchrt hat. Von total schr\u00e4gen Interviews, \u00fcber sehr herzliche auf FM4 und \u00d61- Fotoshootings usw.. bis hin zur Nominierung zur \u201ePerson oft he Year\u201c des Time\u00b4s Magazine. F\u00fcr mich sind all die freiwilligen Helfer des lokalen Roten Kreuzes in Guinea, Sierra Leone und Liberia \u201ePerson of the Year\u201c. Sie setzen tagt\u00e4glich ihr Leben aufs Spiel, werden zum Teil von ihren Familien aus Angst vor Ebola versto\u00dfen. Manche Kollegen in Sierra Leone berichteten davon, dass sie daheim nicht mehr Willkommen w\u00e4ren. Auf die Frage des \u201eWarum?\u201c, gaben sie lediglich zur Antwort:\u201c Wir m\u00fcssen doch unserem Land helfen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich f\u00fchle mich ein klein wenig als Teil von ihnen, als \u201ePerson oft he Year\u201c. Wenn ich aber so nach denke, wie ich nach der Cool Down Phase wieder arbeiten kann, keine Angst vor der Erkrankung haben muss, Angst um meine Lieben, meine Freunde, dann merke ich den Unterschied. Diese Interviews gab ich nicht aus pers\u00f6nlichem Geltungsdrang sondern auch hier zur Information. Ich musste einigen Moderatoren die Angst vor mir nehmen. In Summe versuche ich in \u00d6sterreich via Medien die gleiche Botschaft, die gleichen Fakten zu verbreiten, wie zuvor in Westafrika. Das Rote Kreuz bittet mich da und dort hin zu gehen und ich gehe. That\u00b4s all.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich genie\u00dfe den Applaus auf der Musicalb\u00fchne, nicht aber in Zeitungen, Radio und Fernsehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3004\" aria-describedby=\"caption-attachment-3004\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/PB150265.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3004 size-medium\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/PB150265-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/PB150265-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/PB150265-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2014\/12\/PB150265-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3004\" class=\"wp-caption-text\">Ein ruhiges aber sehr sch\u00f6nes Fleckchen Steiermark<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Vielleicht gehe ich 2015 wieder runter, vielleicht nicht- das ist hier auch nicht wichtig. Ich danke aber abschlie\u00dfend allen Helferinnen und Helfern, die egal f\u00fcr welche Organisation, egal zu welcher Arbeit in das Ebolagebiet geflogen sind, sich dem Risiko ausgesetzt haben und hoffentlich alle wieder gut daheim sind oder bald kommen. Sie haben geholfen, dass sich das Virus nicht \u00fcber Afrika und damit evt. auch nach Europa, Amerika,\u2026 verbreitet hat. Leider kann man sowas fast nicht in Zahlen fassen. Man kann pr\u00e4ventiv nicht sagen: Durch die Arbeit der 100en HelferInnen sind jetzt 9.324 Menschen nicht an Ebola erkrankt und haben daher \u00fcberlebt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich verstehe jeden, der sagt, er oder sie m\u00f6chte sich das nicht antun, hat Respekt oder Angst davor. Ich bewundere jede und jeden, die\/der doch f\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich bewundere auch meine Frau, die ich heute zum Flughafen gebracht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gestern Abend haben wir Weihnachten gefeiert. Wir haben gegessen, ich hatte kein Geschenk f\u00fcr sie, da es auf dem Postweg verloren gegangen ist. Aber wir haben einen sch\u00f6nen Abend verbracht. Das letzte Mal f\u00fcr \u00fcber vier Monate. Sie macht dort weiter, wo ich gehen musste. Sie wird f\u00fcr unseren Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz arbeiten und das \u00d6sterreichische w\u00fcrdig vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weihnachten war f\u00fcr mich gestern. Ab heute z\u00e4hle ich die Tage, bis ich sie wieder sehe- es sind \u00fcbrigens noch 130\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Frohes Fest Euch allen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten war f\u00fcr mich gestern. Vor 4 Wochen ging mein Einsatz in Monrovia zu ende. 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