{"id":999,"date":"2003-05-09T12:34:51","date_gmt":"2003-05-09T11:34:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/einsatz\/?p=999"},"modified":"2003-05-09T12:34:51","modified_gmt":"2003-05-09T11:34:51","slug":"mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-9-mai-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/2003\/05\/09\/mein-tagebuch-der-hilfe-bagdad-9-mai-2003\/","title":{"rendered":"Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 9. Mai 2003"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/old.roteskreuz.at\/prod_images\/8a49ec88f25ee0333123221163838d25.jpg\" alt=\"Martina Schloffer in bagdad\" width=\"200\" height=\"206\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Martina Schloffer in Bagdad<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Unter dem Titel: IRAK &#8211; mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir ver\u00f6ffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.<\/p><\/blockquote>\n<p>Heute ist Freitag, in muslimischen L\u00e4ndern wie dem Irak ist das der Sonntag. Deshalb haben wir heute ausnahmsweise erst um 9 Uhr angefangen zu arbeiten. Unsere Delegation liegt im Herzen Bagdads. T\u00e4glich bilden sich vor dem Geb\u00e4ude Trauben von Menschen, denn wir erf\u00fcllen ein riesiges Bed\u00fcrfnis \u2013 wir stellen den Kontakt zu Br\u00fcdern, Schwestern, Onkeln, Tanten, Eltern innerhalb und au\u00dferhalb des Irak her. Vor dem Eingang sieht es aus, wie beim Einlass zu einem Rolling Stones-Konzert: Wir haben pinkfarbene Plastikketten gespannt, damit die Leute der Reihe nach drankommen und sich im Schatten anstellen k\u00f6nnen. Im Garten ist ein Zelt aufgebaut, indem Satellitentelephone f\u00fcr die Kontaktaufnahme zur Verf\u00fcgung stehen und die so genannten \u201eSave and Well\u201c-Messages, die Verwandte von irgendwoher an ihre Familien nach Bagdad geschickt haben, abgeholt werden k\u00f6nnen. Den ganzen Tag \u00fcber herrscht st\u00fcrmischer Andrang.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es enorm ber\u00fchrend zu sehen, wie vielen Leuten auf diese Art t\u00e4glich geholfen wird, wie Augen zu strahlen beginnen, Gesichter l\u00e4cheln, wenn f\u00fcr zwei Minuten ein telefonischer Kontakt zu geliebten Menschen entsteht. Wir fahren auch mit den Telefonen in die Stadtviertel hinaus und bieten den Service dort an.<\/p>\n<p>Eine traurige und ersch\u00fctternde Erfahrung ist es zu h\u00f6ren, wie viele Menschen, die im Krieg umgekommen sind, einfach an Stra\u00dfenecken, unter Gehsteigen schnell verscharrt worden sind. Die Angeh\u00f6rigen flehen uns an, die Leichnahme zu exhumieren, damit sie sich in einer ordentlichen Trauerzeremonie von ihnen verabschieden k\u00f6nnen. Das ist eine der gro\u00dfen Aufgaben, die vermutlich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz \u00fcbernehmen wird, weil es keine Stadtverwaltung oder Administration gibt, die das sonst tun k\u00f6nnte. T\u00e4glich sitzen viele Trauernde oder Traumatisierte in unserer Eingangshalle und erz\u00e4hlen psychologisch geschulten IKRK-Mitarbeitern ihre Geschichte. Das ist sehr wichtig, die Menschen m\u00fcssen das Erlebte loswerden.<\/p>\n<p>Jeder Mensch ist ein einzelner Fall, der geduldig und sorgsam behandelt werden muss. Hilfe ist nicht, Lebensmittel an Tausende zu verteilen, sondern individuelle Betreuung.<br \/>\nIn Bagdads Spit\u00e4lern ist die Sicherheitslage das Hauptproblem. \u00c4rzte und Schwestern arbeiten unter schwierigen Bedingungen, weil die Krankenh\u00e4user eigentlich regelm\u00e4\u00dfig von bewaffneten Gruppen gepl\u00fcndert werden. Das Personal bekommt auch nach wie vor keine Geh\u00e4lter. Das IKRK hat in seinen Lagern gen\u00fcgend Medikamente und Ger\u00e4te, um die Spit\u00e4ler auszustatten, das Problem ist aber, dass oft keine K\u00fchleinrichtungen vorhanden sind oder keine geschulten Apotheker. Deshalb besuchen wir t\u00e4glich jedes Krankenhaus in der Stadt, um sie mit dem Tagesbedarf an Arzneimittel zu beliefern.<\/p>\n<p>Im Moment sind wir etwa 300 irakische Mitarbeiter und schon \u00fcber 70 internationale Delegierte \u2013 und es werden t\u00e4glich mehr. Unsere Assessment-Teams fahren auch immer mehr aus der Stadt hinaus. Sie bestehen meistens aus medizinischen Spezialisten, Suchleuten und Wassertechnikern, kl\u00e4ren die Bed\u00fcrfnisse in der Umgebung ab und schicken dann die passenden Teams. Die Wassertechniker sind immer noch sehr gefragte Leute, denn die meisten Wasserwerke funktionieren nach wie vor nicht.<\/p>\n<p>Die Sicherheitslage in Bagdad ist noch immer sehr fragil. In der Nacht herrscht Ausgangssperre und man h\u00f6rt immer wieder Schie\u00dfereien. Ich f\u00fchle mich nicht bedroht, aber ich glaube inzwischen auch, dass wir internationale Mitarbeiter uns in einem Gef\u00fchle der \u201efalschen Sicherheit\u201c wiegen. Es fehlt uns an nichts, wir haben zum Beispiel Strom und Wasser, weil unsere H\u00e4user und B\u00fcros an Generatoren angeschlossen sind. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung sind ein paar Stunden Strom und flie\u00dfendes Wasser am Tag schon ein Luxus. Wir bewegen uns meistens in Autos durch die Stadt, die durch die gro\u00dfen, weithin sichtbaren Rotkreuz-Embleme gesch\u00fctzt sind und nicht angegriffen werden. Wir arbeiten t\u00e4glich von halb acht bis 20 Uhr, dann m\u00fcssen wir wegen der Ausgangssperre alle in den Quartieren zur\u00fcck sein. Dann hoffe ich nur noch, dass unser Koch etwas zu Essen vorbereitet hat.<br \/>\nDie Versorgung mit Lebensmittel ist in Bagdad kein Problem, es gibt alles, die Gesch\u00e4fte haben ge\u00f6ffnet, allerdings schlie\u00dfen sie fr\u00fch am Nachmittag, weil die Menschen noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein wollen. Die Schwierigkeit f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung ist meistens, dass die Preise f\u00fcr Lebensmittel angestiegen sind und sie kein Bargeld haben. Der Gro\u00dfteil bekommt keine Geh\u00e4lter und das Bankwesen funktioniert \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Seit meiner Ankunft habe ich noch keinen freien Tag gehabt, aber wie gesagt, es ist einfach unglaublich zu sehen, wie sehr jeder einzelne von uns den Menschen hier helfen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: IRAK &#8211; mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[41,8],"tags":[220,228,256,369],"class_list":["post-999","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bagdad","category-irak","tag-ikrk","tag-irak","tag-krieg","tag-schloffer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=999"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/999\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/einsatz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}