{"id":198,"date":"2010-01-07T18:13:27","date_gmt":"2010-01-07T16:13:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=198"},"modified":"2010-01-07T18:13:27","modified_gmt":"2010-01-07T16:13:27","slug":"out-of-facebook-stiglitz-schmidt-und-der-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2010\/01\/07\/out-of-facebook-stiglitz-schmidt-und-der-neoliberalismus\/","title":{"rendered":"Out of Facebook: Stiglitz, Schmidt und der Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<div>Zur Genese des vorliegenden Textes muss ich erkl\u00e4ren, dass dieser am Tag vor Silvester zun\u00e4chst als kurze Facebook-Note entstand. Ich wollte mich etwas ausf\u00fchrlicher auf eine Replik zu einem von mir geposteten Link auf den Gastkommentar von Joseph Stiglitz im Standard \u00e4ussern. Nach einigen Tagen fand ich allerdings, dass das vielmehr ein Blogpost sei, als eine Facebook-Nachricht, daher \u00fcbernehme ich diesmal den Text in die andere Richtung als sonst und verwende diesen Blog als Sekund\u00e4rmedium.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nun noch eine Replik auf Peter Schmidt mit ein bisserl weniger Emotion daf\u00fcr mit ein bisserl mehr an Worten:<\/div>\n<div>\n<blockquote><p>Peter meinte<br \/>\nAusgel\u00f6st vor allem durch Gier der armen US-H\u00e4uselbauer mit Finanzierung auf Pump \u00fcber jede Leistungsf\u00e4higkeit hinaus. Niemand muss das tun. Aber von den Banken werden solche Finanzierungen allseits erwartet mit super niedrigen Zinsen, dazu tolle Haben-Zinsen f\u00fcr Einlagen. Und wenn das dann nicht klappt, sind sie auch schuld.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich fand es in jedem Fall mehr als rabulistisch, die Behauptung aufzustellen, dass die Krise (in den USA) in Form des externen Drucks auf die Hypothekenbanken &#8211; sozusagen durch die Einmischung der Gesellschaft oder des des Staates in das Banksystem erfolgt ist und daher diesem keinerlei Schuld f\u00fcr die darauffolgenden Dominoeffekte anzulasten sei. In diesem Fall, lieber Peter, sitzt du der selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung der neoliberalen Denker auf, deren Realit\u00e4tskonstruktion keinerlei andere L\u00f6sungen kennt. Fehler im System m\u00fcssen sich (immer) auf die Einmischung von Aussen zur\u00fcckf\u00fchren lassen, weil der Markt allein, regelt immer alles selbst.<\/p><\/div>\n<div>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/photos-h.ak.fbcdn.net\/hphotos-ak-snc3\/hs152.snc3\/17962_224297412981_746762981_3233779_5988242_a.jpg\" alt=\"Quelle: http:\/\/greenewable.files.wordpress.com\/2008\/10\/invisiblehand.jpg\" width=\"180\" height=\"200\" \/><\/div>\n<\/div>\n<div>Diese Argumentation ist ja sogar Neo-Neoliberalismus und genau das prangert Stiglitz zu Recht in seinem <a title=\"http:\/\/derstandard.at\/1259282844475\/Fuenf-bittere-Lehren-aus-dem-Krisenjahr-2009\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/note_redirect.php?note_id=225168974957&amp;h=518c88a10c138215cfd0c68d3520b019&amp;url=http%3A%2F%2Fderstandard.at%2F1259282844475%2FFuenf-bittere-Lehren-aus-dem-Krisenjahr-2009\" target=\"_blank\">Kommentar auf derstandard.at<\/a> an. Die &#8222;unsichtbare Hand&#8220; des Marktes, die im Rahmen des Booms des Neoliberalismus dem armen Adam Smith zugeschrieben wurde, der diese Metapher im &#8222;Wohlstand der Nationen&#8220; (<a title=\"http:\/\/en.wikisource.org\/wiki\/The_Wealth_of_Nations\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/note_redirect.php?note_id=225168974957&amp;h=3190544be2913f94b67a57d5adfab8a9&amp;url=http%3A%2F%2Fen.wikisource.org%2Fwiki%2FThe_Wealth_of_Nations\" target=\"_blank\">Original \u00fcbrigens hier<\/a>) \u00fcberhaupt nur einmal verwendet und da in komplett anderem Zusammenhang. &#8222;Die unsichtbare Hand&#8220;, so Stiglitz, sei deswegen nicht in Erscheinung getreten, weil es sie schlichtweg nicht gibt. Laufende und immer steigende Gier weniger Alphatiere im Finanzsektor f\u00fchrten zur Genese von Derivaten, deren Konstruktion schlussendlich niemand mehr verstanden hat, das hat nichts mehr mit den Krediten zu tun gehabt.<\/div>\n<div>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/photos-b.ak.fbcdn.net\/hphotos-ak-snc3\/hs152.snc3\/17962_224294112981_746762981_3233767_7326290_a.jpg\" alt=\"Quelle: www.larryevansphotography.com\" width=\"180\" height=\"119\" \/><\/div>\n<div><span><br \/>\n<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div>Radikale Vertreter der \u00f6konomistischen Theorie, wie beispielsweise <a>Gary Becker<\/a>, der daf\u00fcr sogar einen Nobelpreis erhalten hat, versuchen sogar, soziales Verhalten mit diesen Vereinfachungen zu erkl\u00e4ren. Becker selbst sieht seinen \u00f6konomischen Ansatz als Erkl\u00e4rungsmodell f\u00fcr jegliches menschliche Verhalten. Es ist in seinen Augen mehr als eine sozialwissenschaftliche Mikrotheorie, weil es auch nicht-soziales zu erkl\u00e4ren versucht.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der Auffassung, dass die besondere St\u00e4rke des \u00f6konomischen Ansatzes darin liegt, dass er eine breite Skala menschlichen Verhaltens integrativ erfassen kann.\u201c (Becker 1982: 3)<br \/>\nDoch, wenn man mit einem Satz die Welt erkl\u00e4ren will, dann muss man seine Bedeutung sehr breit anlegen. Egal, ob es um Kaffeekonsum, Ehe, die Wirkung der Todesstrafe, oder um die Entscheidung einer Autoroute geht \u2013 Beckers Theorie hat scheinbar L\u00f6sungen f\u00fcr alles. Was auf der Strecke bleibt ist die soziale Realit\u00e4t als vernachl\u00e4ssigbare Randbedingung. Diese wurde Schritt f\u00fcr Schritt durch eine \u00f6konomische Realit\u00e4t ersetzt, ganz im Sinne des zuvor zitierten Volkswirtschaftlichen Modellbegriffs.<\/p><\/div>\n<div>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/photos-c.ak.fbcdn.net\/hphotos-ak-snc3\/hs132.snc3\/17962_224285167981_746762981_3233722_2144747_a.jpg\" alt=\"Quelle: diePresse.at online: http:\/\/diepresse.com\/home\/panorama\/oesterreich\/445025\/index.do\" width=\"180\" height=\"462\" \/><\/div>\n<\/div>\n<div>Gerade in Zeiten der einfachen Erkl\u00e4rungen eignen sich Theorien wie diese, weil es f\u00fcr sich in keinster Weise in Anspruch nimmt, selbst normativ zu sein, obwohl im Hintergrund die \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche laufend mitschwingt. Es verwundert trotzdem nicht, dass Becker f\u00fcr diese Ans\u00e4tze einen Nobelpreis erhalten hat. Auf der einen Seite war es der Preis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften &#8211; damit wurde die Theorie auch aus der \u00f6konomischen Perspektive gesehen \u2013 und auf der anderen Seite passt eine Theorie wie diese sehr gut in die neoliberale Rationalit\u00e4t einer globalisierten Welt.<\/p>\n<p>Ob die Krise nun von den Medien gemacht ist, oder nicht ist schlussendlich irrelevant, zumal sie objektiv und auch subjektiv gerade f\u00fcr die Bed\u00fcrftigen da ist. Die Realwirtschaft hat vom Einbruch in der Finanzwirtschaft Schaden genommen und dieser betrifft einzelne Menschen. Wenn man ansieht, wie viele Menschen nach den neuesten Statistiken armutsgef\u00e4hrdet sind, so ist jeder Euro, der statt in die Verbesserung der Lebensbedingungen aller in die Rettung von Finanzinstitutionen investiert werden muss, um noch gr\u00f6ssere Sch\u00e4den zu vermeiden, ein verlorener Euro. Das und nichts anderes sagte Stiglitz, er bekrittelte &#8211; wie \u00fcbrigens auch viele andere mehr oder weniger einflussreiche \u00d6konomInnen &#8211; die Tatsache, dass Gewinne immer gerne privatisiert werden, w\u00e4hrend die Verluste kommunalisiert werden, also von uns allen im Wege des Staates beglichen werden.<\/p>\n<p>Doch Stiglitz geht noch weiter in seiner Argumentation, denn er nennt f\u00fcnf Lehren aus der Krise und die bisher diskutierten Argumente betreffen lediglich seine erste Lehre. Das ist auch der Grund, warum ich Dir \u00f6konomische Literatur nahegelegt habe, in meiner ersten Reaktion. Denn nat\u00fcrlich kann man \u00fcber die einzelnen Thesen und Argumente unterschiedlicher Meinung sein, ob jetzt Keynesianische Politik immer funktioniert, oder nur in manchen F\u00e4llen, wie das mit der Geldpolitik und der Inflationsbek\u00e4mpfung als ihr heiligstes Ziel ist, und ob Innovationen zu einer effizienteren und produktiveren \u00d6konomie f\u00fchren &#8211; doch einfach Pauschal einen wirklich gut geschriebenen und in meinen Augen auch ziemlich auf den Punkt kommenden Artikel als &#8222;Schwachsinn&#8220; zu titulieren schl\u00e4gt in meinen Augen doch auf die Person zur\u00fcck, die das geschrieben hat.<\/p><\/div>\n<div>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/photos-h.ak.fbcdn.net\/hphotos-ak-snc3\/hs152.snc3\/17962_224324312981_746762981_3233895_7755932_a.jpg\" alt=\"Quelle: Life: John Maynard Keynes during the Monetary Conf.\" width=\"180\" height=\"227\" \/><\/div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<p>Es muss ja nicht gleich <a title=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/46\/Keynes?page=all\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/note_redirect.php?note_id=225168974957&amp;h=c20ea6c7c06568d0bdd7e8e39d889d9a&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2F2008%2F46%2FKeynes%3Fpage%3Dall\" target=\"_blank\">John Maynard Keynes<\/a> sein, aber beispielsweise der Artikel oder das Buch <a title=\"http:\/\/books.google.at\/books?hl=de&amp;lr=&amp;id=VXIDgGjLHVgC&amp;oi=fnd&amp;pg=PP13&amp;dq=%22Coase%22+%22The+nature+of+the+firm%22+&amp;ots=RFc0mpkNt2&amp;sig=O6R7OOlfzHTTT3GnpZXCw9oAq0c#v=onepage&amp;q=%22Coase%22%20%22The%20nature%20of%20the%20firm%22&amp;f=false\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/note_redirect.php?note_id=225168974957&amp;h=97d9322cbac5cef1ce256a57e44efa89&amp;url=http%3A%2F%2Fbooks.google.at%2Fbooks%3Fhl%3Dde%26lr%3D%26id%3DVXIDgGjLHVgC%26oi%3Dfnd%26pg%3DPP13%26dq%3D%2522Coase%2522%2B%2522The%2Bnature%2Bof%2Bthe%2Bfirm%2522%2B%26ots%3DRFc0mpkNt2%26sig%3DO6R7OOlfzHTTT3GnpZXCw9oAq0c%23v%3Donepage%26q%3D%2522Coase%2522%2520%2522The%2520nature%2520of%2520the%2520firm%2522%26f%3Dfalse\" target=\"_blank\">&#8222;The Nature of the firm&#8220;<\/a> aus dem Jahr 1936 von Ronald Coarse legen auch schon die Synapsen so weit um, dass unterschiedliche Realit\u00e4ten zum \u00f6konomischen System gedacht werden k\u00f6nnen, als dass das die neoliberale &#8222;Moral&#8220;-Theologie zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ach ja, danke Dir f\u00fcr Dein &#8222;St\u00f6ckchen&#8220;, sonst h\u00e4tte ich mich nicht zu dem Text hinreissen lassen &#8230;<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fcsse verbunden mit den besten W\u00fcnschen zum bevorstehenden Jahreswechsel,<\/p>\n<p>Gerald<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Genese des vorliegenden Textes muss ich erkl\u00e4ren, dass dieser am Tag vor Silvester zun\u00e4chst als kurze Facebook-Note entstand. 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