{"id":275,"date":"2011-03-14T17:16:13","date_gmt":"2011-03-14T15:16:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=275"},"modified":"2011-03-14T17:16:13","modified_gmt":"2011-03-14T15:16:13","slug":"japan-erdbeben-und-atomgefahr-was-ist-hier-ein-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2011\/03\/14\/japan-erdbeben-und-atomgefahr-was-ist-hier-ein-risiko\/","title":{"rendered":"Japan, Erdbeben und Atomgefahr \u2013 Was ist hier ein Risiko?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Japan, Erdbeben und Atomgefahr \u2013 Was ist hier ein Risiko?<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit sind in Japan viele hundert Tausend Menschen obdachlos, sind auf die Hilfe von staatlichen Stellen und Organisationen angewiesen um die grundlegenden Bed\u00fcrfnisse wie Nahrung, Sicherheit oder Hygiene zu erhalten. Viele Tausende Familien vermissen Verwandte, Kinder vermissen ihre Eltern. Hier gibt es kurzfristige und dringende Not, die es zu lindern gilt, Not f\u00fcr die der humanit\u00e4re Imperativ gilt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht von den besch\u00e4digten Kernkraftwerken eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr aus. Radioaktives Material k\u00f6nnte (oder ist bereits) in die Luft austreten, wie beim Supergau in Tschernobyl k\u00f6nnte radioaktiver Staub mit dem Wind auch viele Kilometer weit weg vertragen werden. Die davon ausgehende Gefahr ist allerdings deutlich abstrakter und vor allem sind die Sch\u00e4den auch langfristiger und stochastischer Natur. Die Zone der unmittelbaren und direkten Gefahr rund um die Kraftwerke im Ausma\u00df von rund 20 km wurde in Japan evakuiert. Das ist die Region, wo man ggf. direkt und akut Schaden erleiden kann.<\/p>\n<p>Wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_Beck\">Ulrich Beck<\/a>, deutscher Soziologe in seinem inzwischen zum Standardwerk der soziologischen Literatur gewordenem Buch \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Risikogesellschaft\">Risikogesellschaft<\/a>\u201c bereits 1986 geschrieben hat, ist Risiko das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses und damit entkoppelt von den technischen Risikoeinsch\u00e4tzungen, wie sie von Expertinnen und Experten gemacht werden. Nicht verwunderlich, dass die Thesen Ulrich Becks \u2013 sein Werk entstand unter Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl \u2013 anl\u00e4sslich der potentiellen Gefahren die von den japanischen Kernreaktoren ausgehen, wieder in den Mittelpunkt soziologischen aber auch gesellschaftlichen Interesses kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u201eDie Bedrohungen der Zivilisation\u201c, so Beck (Risikogesellschaft, Frankfurt:Suhrkamp, S 96), \u201elassen eine Art \u00bbSchattenreich\u00ab entstehen, vergleichbar mit G\u00f6ttern und D\u00e4monen der Fr\u00fchzeit, das sich hinter der sichtbaren Welt verbirgt und das menschliches Leben auf dieser Erde gef\u00e4hrdet.\u201c<\/p>\n<p>Die Medien, so Beck, haben einen gro\u00dfen Einfluss auf die Konstruktion dieser Risikorezeption \u2013 oder nach <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niklas_Luhmann\">Luhmann<\/a> (Die Realit\u00e4t der Massenmedien, VS Verlag:Opladen, S 4) :\u201eWas wir \u00fcber unsere Gesellschaft, ja \u00fcber die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien\u201c.<\/p>\n<p>Beim Thema Kernkraft beginnen viele Personen Angst zu haben, Berichte \u00fcber einen m\u00f6glichen \u00a0\u201eSt\u00f6rfall\u201c am anderen Ende der Welt l\u00f6sen in \u00d6sterreich Angst und Panik aus. Ich \u00a0versuche daher hier einen m\u00f6glichst neutralen \u00dcberblick \u00fcber das Thema zu geben, ohne den Eindruck erwecken zu wollen ich \u00a0seien pro oder kontra \u201eKernkraft\u201c. Meine Perspektive ist einerseits die eines Naturwissenschaftlers, der technische Chemie erlernen durfte und andererseits die des Sozialwissenschaftlers und Sozio\u00f6konoms, der sich im Einsatzmanagement des \u00d6sterreichischen Roten Kreuzes direkt mit den aktuellen humanit\u00e4ren Dilemmata besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Was nicht passieren kann \u2013 und das wird aufgrund der Assoziation \u201eAtombombe \u2013 Atomkraftwerk\u201c leider bei vielen Menschen bef\u00fcrchtet \u2013 ist eine bombenartige Explosion mit dem bekannten \u201eAtompilz\u201c, denn genau diese Energieentladung, die bei der Atombombe ausgel\u00f6st wird, findet ja im Kernkraftwerk \u201ekontrolliert\u201c statt. Im Moment so entnehme ich den wohl nicht mehr ganz \u201ekontrolliert\u201c aber zumindest \u201egez\u00e4hmt\u201c.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist mit radioaktiven Isotopen nicht zu spa\u00dfen, allerdings ist die Einwirkung auf Personen eine deutlich andere, als dies bei prim\u00e4r von Strahlung betroffenen Menschen (etwa die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liquidator\">Liquidatoren<\/a> in Tschernobyl) der Fall ist. Aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht \u2013 und das deckt sich auch mit den <a href=\"http:\/\/www.roteskreuz.at\/berichten\/aktuelles\/news\/datum\/2011\/03\/14\/japan-atomkatastrophe-ist-unwahrscheinlich\/\">Expertenmeinungen<\/a> (<a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1297820325301\/Strahlenschutz-Experte-Peter-Hofer-im-Chat-zu-Japan-Selbst-schlimmstes-Szenario-mit-Tschernobyl-nicht-vergleichbar\">oder hier<\/a>) \u2013 m\u00fcssen die Priorit\u00e4ten im humanit\u00e4ren Bereich im Moment auf die Betroffenen Menschen fokussiert werden, und nicht auf potentielle Sch\u00e4den durch Strahlung in f\u00fcnf oder zehn Jahren. Wenn dieser Fokus auch auf die mediale Berichterstattung \u00fcberschwappen w\u00fcrde, dann k\u00f6nnte man m\u00f6glicherweise auch die grundlose Angst in der Bev\u00f6lkerung hintanhalten. Denn Angst ist f\u00fcr die moderne Gesellschaft die schlechteste aller Motivationen, um Handlungen zu provozieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japan, Erdbeben und Atomgefahr \u2013 Was ist hier ein Risiko? 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