{"id":319,"date":"2011-06-21T12:02:55","date_gmt":"2011-06-21T10:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=319"},"modified":"2011-06-21T12:02:55","modified_gmt":"2011-06-21T10:02:55","slug":"die-rss-gesellschaft-das-schlechte-gewissen-des-braven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2011\/06\/21\/die-rss-gesellschaft-das-schlechte-gewissen-des-braven\/","title":{"rendered":"Die RSS-Gesellschaft: Das schlechte Gewissen des Braven."},"content":{"rendered":"<p>Eine <a href=\"http:\/\/www.twentytwenty.at\/2011\/06\/aufruf-zur-social-information-management-blogparade\/\">interessante Blogparade habe ich auf twentytwenty.at gefunden<\/a>, in der es um den Umgang mit Informationen geht. Eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, endlich einmal auch au\u00dferhalb der <a href=\"http:\/\/npoblogparade.wordpress.com\/\">NPO-Blogparaden<\/a> dieses Format f\u00fcr mich auszuprobieren. Die Frage lautet: \u201e<strong>Wie wird die Gesellschaft in Zukunft mit Informationen umgehen?<\/strong>\u201c<\/p>\n<p>Besonders interessant finde ich, dass die Fragestellung selbst den gesellschaftlichen Kontext, sozusagen in Form eines Makrobezugs auf (uns?) alle als \u201edie Gesellschaft\u201c implementiert, die angerissenen Fragen jedoch wieder stark auf die transaktionsorientierten individuellen L\u00f6sungsmodelle abzielen, mit Informationen umzugehen.<\/p>\n<h2>\u00dcber die Natur von Informationen<\/h2>\n<p>Ein <strong>zu viel an Informationen<\/strong>, so meine erste These, hat es immer schon gegeben. Die Relevanz ist wohl das eine Kriterium, denn interessiert es wirklich, ob nun schon wieder eine Sekunde vergangen ist, die n\u00e4chste Stra\u00dfenbahn in 4 Minuten einf\u00e4hrt, mein Firefox der Meinung ist, er h\u00e4tte die Seite fertig geladen, der laufende Text gerade 300 W\u00f6rter lang ist, oder wieder eine automatische Nachricht von Google Analytics \u00fcber irgend eine Statistik eingegangen ist \u2013 um nur wenige der abertausenden Informationen zu zitieren, die im Laufe der Texterstellung auf mich eintrudeln \u2013 die laufende Musik von <a href=\"http:\/\/www.hughlaurieblues.com\/\">Hugh Laurie<\/a> noch gar nicht erw\u00e4hnt. Auch wenn das nur ein (post-) modernes Beispiel von Informationsschnittstellen ist, ging es einem R\u00f6mischen S\u00f6ldner oder einem Venezianischen H\u00e4ndler wohl \u00e4hnlich, wenn auch die Informationen aufgrund der jeweiligen kontextuellen Rahmenbedingungen anderer Natur waren und diese aufgrund anderer Sozialisation definitiv auch anders bewertet und verwendet wurden. Zu viel zu sein um alles verarbeiten zu k\u00f6nnen, das ist die generische Natur von Information. Die Relevanz wird nun vom Kontext, vom individuellen Framing gesteuert und von vielen anderen Parametern, h\u00e4ngt also von individuellen und sozialen Faktoren ab.<\/p>\n<h2>Sozialit\u00e4t als Metastruktur<\/h2>\n<p>Das Management von Informationen, und da sind wir bei der zweiten These, war schon immer ein soziales Ph\u00e4nomen. Zeitgeist, Kultur, pers\u00f6nliche Einordnung in die Gesellschaft und eigene Sozialisation heben schon immer bestimmt, welche Informationen in welchem Detailgrad einem zug\u00e4nglich sind, welche davon auch verstanden werden und ob diese von Relevanz sind.<\/p>\n<p>Ob diese Relevanz nun \u2013 rein technisch &#8211; aufgrund des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/PageRank\">Pageranks<\/a>, des <a href=\"http:\/\/www.ambuzzador.com\/2011\/02\/18\/das-edge-rank-system-von-facebook\/\">Edgeranks<\/a> ermittelt wird, per Mail direkt vorgeschlagen, oder ob \u2013 wie einst am Stammtisch \u2013 lediglich das Gespr\u00e4ch dar\u00fcber stattfindet, es findet ein kultureller und sozialer Informations-Selektionsprozess statt, der ganz spezifisch festlegt, welche Information nun anschlussf\u00e4hig ist und welche nicht, um auch den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niklas_Luhmann\">S\u00e4ulenheiligen der Systemtheorie<\/a> zu beanspruchen. Es gibt also gesellschaftsimmanente Mechanismen zur Komplexit\u00e4tsreduktion bei Informationen, Funktionen, die definieren, \u201ewelche Sau durch die Stra\u00dfen getrieben wird\u201c, wie man das in der Pressearbeit so treffend sagt. Dabei gibt es, je nach Milieu, Lebensstil, oder wie auch immer man sagen will Themen, die mit gr\u00f6\u00dferer Chance auch Relevanz entwickeln und andere, bei denen das nicht so ist, doch tendenziell hat das mit der Art und dem Inhalt der Information weniger zu tun, als mit dem Umfeld, den Promotoren.<\/p>\n<h2>Informationsgesellschaft?<\/h2>\n<p>Was die Informationsgesellschaft von modernen und vormodernen Gesellschaftsideen unterscheidet ist die breite niederschwellige Verf\u00fcgbarkeit vieler Informationen, die fr\u00fcher nur elit\u00e4ren Schichten zug\u00e4nglich waren. Musste man fr\u00fcher noch zur Bibliothek gehen, mit den Zettelkatalogen umgehen k\u00f6nnen, um dann einen \u00dcberblicks-Sammelband zu bestellen, der mit Gl\u00fcck Tags darauf verf\u00fcgbar war, um \u00fcber die Zitate \u201ead fontes\u201c gehen zu k\u00f6nnen, \u00a0wieder mit Tagen der Informationsbeschaffung dazwischen, so liefern Suchmaschinen, Datenbanken und viele andere Quellen heute \u201eon demand\u201c Informationen, damit bleibt aber auch f\u00fcr die reflexive Bearbeitung dieser Informationen weniger Zeit dazwischen \u2013 man muss andere Techniken anwenden, um dieses reflexive Informationsmanagement leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die westliche Kultur der reflexiven Moderne hat es mit sich gebracht, dass sich auch die klassische B\u00fcrokratie den rascheren und breiter verf\u00fcgbaren Informationen angepasst hat. Kein postalischer Brief nach 14 Tagen Wartezeit, sondern die Sofortreaktion auf Twitter, das Mail des Servicedesks 15 Minuten nach der Anfrage und die Ungehaltenheit dar\u00fcber, dass ein Informations-Beschaffungs- und Bearbeitungs-Prozess einmal einige Tage dauert.<\/p>\n<p>Wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michel_Foucault\">Michel Foucault<\/a> \u00fcber die Internalisierung gesellschaftlicher Machtstrukturen als \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bio-Macht\">Biopolitik der Macht<\/a>\u201c anhand des Benthamschen Panopticons einen langen sozialen Prozess beschrieben hat, wurden diese Machtstrukturen in den vergangenen Jahren durch die laufende Informationspermeabilit\u00e4t der Menschen verst\u00e4rkt. Smartphones, VPN-Zug\u00e4nge und Tablets vermitteln \u201eFreiheit\u201c vom Arbeitsplatz und sind in gewisser Weise trotzdem <a href=\"http:\/\/deu.anarchopedia.org\/Projekte:Herrschaftsbegriff:Foucault\">Diszipliniartechniken<\/a>, die auch die Zeit au\u00dferhalb des \u201estahlharten Geh\u00e4use der H\u00f6rigkeit\u201c, wie Max Weber die B\u00fcrokratie genannt hat, strukturieren und der Totalit\u00e4t von Information unterordnen. Flexible Dienstzeiten gekoppelt mit \u201eAll-In-Vertr\u00e4gen\u201c verst\u00e4rken diese Ph\u00e4nomene. Die permanenten Informations-Infusionen in den Datenstr\u00f6men der RSS-Gesellschaft f\u00fchren zum individuellen Gef\u00fchl des Vers\u00e4umens relevanter Tatsachen, trotz permanentem Informationskonsums, zum schlechten Gewissen des Braven.<\/p>\n<h2>Braucht es Therapien?<\/h2>\n<p>Ich denke es braucht, um jetzt nach der pessimistischen Perspektive auch in die Glaskugel der Futurologen zu blicken, eine neue Kultur des Vergessens, des Nicht-Lesens und des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ich_wei%C3%9F,_dass_ich_nichts_wei%C3%9F%21\">Nicht-Wissens<\/a>. Ein \u201eLaissez-faire\u201c im Umgang mit dem permanenten Datenstrom und dem inneren Gef\u00fchl des \u201eetwas vers\u00e4umens\u201c. Erst das loslassen erm\u00f6glicht die Reflexion und damit das Bew\u00e4ltigen von Informationen. Es werden also in Zukunft die Skills des Informationsbew\u00e4ltigers mehr gefragt sein, als die des Informationskonsumenten oder \u2013Junkies.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine interessante Blogparade habe ich auf twentytwenty.at gefunden, in der es um den Umgang mit Informationen geht. Eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, endlich einmal auch au\u00dferhalb der NPO-Blogparaden dieses Format f\u00fcr mich auszuprobieren. 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