{"id":334,"date":"2011-10-04T15:48:00","date_gmt":"2011-10-04T13:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=334"},"modified":"2011-10-04T15:48:00","modified_gmt":"2011-10-04T13:48:00","slug":"mittelstand-mittelklasse-mittelschicht-alle-sind-dabei-niemand-mag-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2011\/10\/04\/mittelstand-mittelklasse-mittelschicht-alle-sind-dabei-niemand-mag-zahlen\/","title":{"rendered":"Mittelstand, Mittelklasse, Mittelschicht: Alle sind dabei, niemand mag zahlen?"},"content":{"rendered":"<p>Einige Begriffe machen seit geraumer Zeit immer wieder die Runde durch die Medien und Politikerinterviews. Es sind <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozialstruktur\">klassische Diskursbegriffe zur Sozialstruktur<\/a>, die jeder verwendet, aber gleichzeitig unterschiedlich versteht oder interpretiert, da hier in den Begriff die eigene Position im sozialen Raum mit definiert wird. Ich m\u00f6chte mich nicht an der Diskussion \u00fcber (Reichen-) Steuern beteiligen, sondern versuchen, durch die Begriffskl\u00e4rung mal einiges klar zu stellen.<\/p>\n<h1><strong>Mittelstand, das Pfui-Wort.<\/strong><\/h1>\n<p>Der gerne verwendete Begriff \u201eMittelstand\u201c referenziert in \u00d6sterreich \u2013 man hat den Eindruck durchaus bewusst \u2013 auf den St\u00e4ndestaat jener <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/St%C3%A4ndestaat_%28%C3%96sterreich%29\">Euphemisierung der autorit\u00e4ren Diktatur<\/a>, die unter Schuschnigg und Dollfu\u00df im \u00d6sterreich vor dem \u201eAnschlu\u00df\u201c an das Nazi-Regime herrschte. Diese Begrifflichkeit ist aber in jedem Fall wieder ein Verweis auf vormoderne soziale Strukturen, also auf eine Zeit, zu der Industrie, Wirtschaft und Kapitalismus noch kein Thema war.<\/p>\n<p>Als Stand, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/St%C3%A4ndeordnung\">so schreibt Wikipedia<\/a>, wird eine gesellschaftliche Gruppe bezeichnet, die aufgrund rechtlicher und kultureller Rahmenbedingungen klar voneinander getrennt waren. Die Mobilit\u00e4t unter jenen Gruppen war gering, die Ordnung war daher eine sehr statische. Auch die Partizipationsm\u00f6glichkeit am politischen System war f\u00fcr viele St\u00e4nde stark eingeschr\u00e4nkt. Das strenge indische Kastensystem k\u00f6nnte man auch heute noch als solche st\u00e4ndische Gesellschaft bezeichnen.<\/p>\n<p>Wenn also heutzutage vom \u201eMittelstand\u201c gesprochen wird, so ist das entweder die Perspektive der Elite, die denen \u201eda unten\u201c mitteilen m\u00f6chte, dass sie sich aus ihrem Sumpf aufgrund der starren Struktur nicht zu befreien in der Lage sind, oder \u2013 und das ist die wahrscheinlichere Perspektive \u2013 es geht um die Abgrenzung nach unten, zum \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lumpenproletariat\">Lumpenproletariat<\/a>\u201c, wie das zu Beginn der Industrialisierung genannt wurde.<\/p>\n<p>Besonders interessant finde ich die Definition des Mittelstands, wie sie von der <a href=\"http:\/\/www.mioe.at\/data\/bedeutung.php\">Mittelstandsvereinigung \u00d6sterreichs<\/a> verwendet wird:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0Mittelstand ist eine Geistes- und Wertehaltung in Bezug auf Leistung, Ethik und soziale Verantwortung.<\/p>\n<p>Zum Mittelstand geh\u00f6ren alle, die einen kreativen und produktiven Beitrag zum Wohle der Gesellschaft leisten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist also eine Position ex nihilo, die lediglich Wertehaltung und Kultur als Ma\u00dfstab sieht, eine Art selbstbez\u00fcgliches System, einer Religion gleich. Interessant sind daher auch die Exponentinnen dieser Organisation, die ich Aufgrund der Herkunft alle eher in die elit\u00e4ren Bereiche der Gesellschaft verortet h\u00e4tte \u2013 wohl auch ein Zeichen des Understatements jener oftmals aus dem \u201eAdelsstand\u201c stammenden Exponenten und der Ideologisierung dieses \u201eStandes\u201c-Begriffs.<\/p>\n<h1><strong>Mittelklasse, die Bourgeoisie.<\/strong><\/h1>\n<p>In der Sozialtheorie nach Karl Marx wird die Gesellschaft in Klassen eingeteilt, dabei wird einerseits bereits auf \u00f6konomische Parameter zur\u00fcckgegriffen, andererseits ist aber auch das Klassenbewusstsein, also die Selbstreferenz der beteiligten Individuen auf ihre Herkunft von Bedeutung. Aus diesen Klassen definiert sich, so Marx in seiner Erweiterung der Hegelschen Dialektik automatisch ein Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnis. Wenig \u00fcberraschend ist auch diese Begrifflichkeit politisch konnotiert \u2013 es wird daher eher unm\u00f6glich von Klassen zu sprechen, ohne die Marxistische Theorie (oder ihre Abneigung) mitschwingen zu lassen, mit ihren Klassenimmanenten Konflikten. F\u00fcr eine Wert-neutrale Diskussion erscheint der Begriff daher \u00e4hnlich ung\u00fcnstig, wie jener des Standes.<\/p>\n<p>Es gibt zwar noch andere Klassendefinitionen, beispielsweise von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ralf_Dahrendorf\">Dahrendorf<\/a> oder von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pierre_Bourdieu\">Bourdieu<\/a> \u2013 allen gemein ist jedoch die Grundidee der politischen, sozialen und kulturellen Interdependenz der jeweiligen Klassenlagen.<\/p>\n<h1><strong>Mittelschicht, weichgesp\u00fclt und ideologisch sauber?<\/strong><\/h1>\n<p>Geht man von der Grundidee aus, dass sich die Gesellschaft aus sehr, sehr vielen unterschiedlichen Individuen zusammensetzt, so finden sich je nach betrachtetem Merkmal trotzdem gleiche oder \u00e4hnliche Individuen. Nimmt man beispielsweise das monatliche Haushaltseinkommen, so wird es Personen mit sehr wenig Einkommen geben, einige haben durchschnittlich viel an Einkommen und andere haben viel (oder unversch\u00e4mt viel) Einkommen.<\/p>\n<p>Als Schicht bezeichnet man nun Individuen \u00e4hnlicher Einkommen, die sich \u2013 kaum \u00fcberraschend \u2013 auch in Mentalit\u00e4t, kultureller Identit\u00e4t und Herkunft \u00e4hnlich sind. Es ist sozusagen die Grenze nicht aufgrund der Kultur oder der Herkunft getroffen, sondern eine Sekund\u00e4rvariable definiert die Schichtzugeh\u00f6rigkeit, die \u00fcber verschiedene soziale Mechanismen indirekt trotzdem in vielen F\u00e4llen die interdependenten weiteren Variablen (Herkunft, Bildung, Kultur, \u2026) pr\u00e4determiniert.<\/p>\n<h1><strong>Milieus: Ganz neutral?<\/strong><\/h1>\n<p>Um noch weiter zu abstrahieren und der Komplexit\u00e4t moderner (oder post-moderner, radikalisiert moderner, \u2026) westlicher Gesellschaften gerecht zu werden, hat man den Milieubegriff gepr\u00e4gt. Der \u201eMilieu\u201c-Begriff geht davon aus, dass der Lebensstil von Menschen nicht nur auf Grund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde, sondern <em>auch<\/em> von inneren Werthaltungen gepr\u00e4gt wird. Der Begriff <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soziales_Milieu\">\u201esoziales Milieu\u201c<\/a> bezieht sich damit auf Gruppen von Individuen mit \u00e4hnlichen Lebenszielen und Lebensstilen und umfasst Mentalit\u00e4t und Gesinnung der Personen. Durch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaften und die Individualisierung der Lebensstile wird die vormals enge Verkn\u00fcpfung zwischen sozialer Lage und Milieus gelockert, auch wenn soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden k\u00f6nnen. Im Marketing werden Modelle der so genannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sinus-Milieu\">Sinus-Milieus<\/a> verwendet. Interessant ist, dass im Vergleich der Sinus-Milieus D-A-CH in \u00d6sterreich die \u201eB\u00fcrgerliche Mitte\u201c mit 19% deutlich gr\u00f6\u00dfer ist, als in Deutschland oder der Schweiz.<\/p>\n<h1><strong>Zur\u00fcck zu Klassen und St\u00e4nden?<\/strong><\/h1>\n<p>Auch wenn sich die theoretischen Begriffe zur Beschreibung von sozialer Ungleichheit \u2013 und das ist ja des Pudels Kern \u2013 ver\u00e4ndert haben, ein enger Zusammenhang zwischen der Herkunft, der Bildung und dem verf\u00fcgbaren finanziellen Ressourcen (das muss jetzt nicht direkt das Einkommen sein), sowie den grundlegenden Werten und Einstellungen besteht, die Frage ist immer nur, von welcher Seite man das Pferd aufz\u00e4umt. Unpolitisch und ohne jegliche ideologische Konnotation kann man Ungleichheit ja schwerlich beschreiben. Daher ist es umso verst\u00e4ndlicher, wenn Personen aus der wirtschaftlichen Elite (zumindest einige ExponentInnen in \u00d6sterreich, im Rest Europas gibt es da andere Beispiele) versuchen, im Diskurs fatalistischere Begriffe zu verwenden, die die Unausweichlichkeit der bestehenden Strukturen zu zementieren versuchen.<\/p>\n<h1><strong>So etwas wie ein Fazit.<\/strong><\/h1>\n<p>Unverst\u00e4ndlich ist mir, dass man sich Diskussionen \u00fcber Schein-Themen liefert, als dass man gleich diskutiert und entscheidet, wie viel Ungleichheit man in der Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist und was man an Ma\u00dfnahmen setzt um diese Schranken dann auch einhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einem <a href=\"http:\/\/oe1.orf.at\/programm\/285235\">Journal-Panorama<\/a> zum Thema Island nach der Krise h\u00f6rte ich einen \u00d6konomen, der sagte, dass die Isl\u00e4nder gewohnt seine, dass der Kapit\u00e4n das Dreifache eines Matrosen verdiene, und dass das akzeptiert werden w\u00fcrde \u2013 mehr aber aus Isl\u00e4ndischer Sicht unmoralisch sei. <strong>Wie hoch diese Quote aus Sicht der \u00d6sterreicherinnen und \u00d6sterreicher sein sollte, das w\u00e4re zur Zeit die Frage, die man stellen m\u00fcsste. <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Begriffe machen seit geraumer Zeit immer wieder die Runde durch die Medien und Politikerinterviews. 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