{"id":632,"date":"2015-06-02T10:41:17","date_gmt":"2015-06-02T08:41:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=632"},"modified":"2015-06-02T10:41:17","modified_gmt":"2015-06-02T08:41:17","slug":"wenn-philosophen-essen-oder-vom-staatsversagen-in-die-foderatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2015\/06\/02\/wenn-philosophen-essen-oder-vom-staatsversagen-in-die-foderatur\/","title":{"rendered":"Wenn Philosophen essen oder vom Staatsversagen in die F\u00f6deratur?"},"content":{"rendered":"<p>Kurz nach Erdrutsch-artigen Wahlergebnissen finden allerorts Scherbengerichte statt, die dieses und jenes als Grund sehen, warum das Ergebnis so oder so ausgegangen ist. Die meisten Auguren liegen dabei allerdings aus zeitgeschichtlicher Perspektive betrachtet genauso richtig, wie die Chemtrails-Bef\u00fcrchter, weil die Blickwinkel viel zu operativ und damit die Argumentationsketten zu kleinteilig sind.<\/p>\n<p>Krisen seien Zeiten des Wandels, der Chancen f\u00fcr Entwicklungen, sagen Management-Theoretiker. Aber sind es nicht gerade jene Propheten des kurzfristigen Profits, die zu politischem Aktionismus f\u00fchren? Wann die kurze Wirkungs-Frist des Neoliberalismus durch permanente Ausweitung der G\u00fcltigkeits-sph\u00e4ren dieser Ideologie auch die Politik erreicht hat, kann man nicht genau abgrenzen, das postmoderne \u201eanything goes\u201c hat diese Entwicklung wohl maskiert. Fakt ist, dass Politiker in ihren Ideen nicht mehr in Generationen denken, sondern in Wahlzyklen und damit vom zeitlichen Blickwinkel dem Management gleich gestellt ist.<\/p>\n<p>Betrachtet man das kollektive Staats- und Politikversagen in \u00d6sterreich auf allen Ebenen der Verwaltung, also die Inkompetenz auf Bundes-, auf Landes- und auf Gemeindeebene gar nicht so gro\u00dfe Probleme unserer Zeit, Fragen wie die Unterbringung tausender Menschen (viele davon unbegleitete Minderj\u00e4hrige) angemessen, menschlich und zeitnah zu l\u00f6sen, so erkennt man, worauf ich hinaus will. Wenn die \u00d6sterreichische Bundesverfassung die Subsidiarit\u00e4t als Kernelement der Verwaltung beschreibt, also jene Beh\u00f6rden und politische Gremien mit der Durchf\u00fchrung von Staatsaufgaben betraut werden, die auf der untersten Ebene daf\u00fcr zust\u00e4ndig sind, dann ist das nicht nur ein Recht. Vielmehr ist damit auch die Pflicht verbunden, diese Aufgaben zu erf\u00fcllen. Erf\u00fcllt werden diese Aufgaben allerdings nicht.<\/p>\n<p>Das Thema Unterbringung von Asylwerbern zeigt, meiner Meinung nach allerdings blo\u00df als Symptom, dass es dringend eine Ver\u00e4nderung in der Verwaltung geben muss, die sich dem sozialen Wandel anpasst. Daf\u00fcr braucht es Erm\u00f6glicherInnen und EntscheiderInnen an den Schaltstellen, keine Verwalter und Verhinderer. Daf\u00fcr braucht es Empathie und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die KlientInnen, B\u00fcrgerInnen und Kundinnen, nicht blo\u00df Gleichheit des normenunterworfenen Individuums vor dem Gesetz.<\/p>\n<p>Die Morbus F\u00f6deralis in \u00d6sterreich f\u00fchrt im Moment zu einem Deadlock der Verwaltungsebenen, jeder meint, jemand anderer w\u00e4re f\u00fcr die L\u00f6sung zust\u00e4ndig blockiert aber trotzdem durch seine Unt\u00e4tigkeit die Wirkungsmacht anderer. Das so genannte Philosophenproblem (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philosophenproblem\">dining philosophers problem<\/a>) ist ein Fallbeispiel aus der theoretischen Informatik, das zeigt, wie Systeme, die eigentlich gut funktionieren in manchen Zust\u00e4nden dysfunktional werden: F\u00fcnf Philosophen sitzen am runden Tisch, jeder vor sich einen Teller Spaghetti. Zwischen den Tellern liegt je eine Gabel. Als wohlerzogene Menschen brauchen Philosophen zum Essen der Spaghetti zwei Gabeln. Das System funktioniert so lange gut, so lange mehrere der Denker mit philosophischem Diskurs und Gespr\u00e4ch besch\u00e4ftigt sind und nur Einzelne Essen. Wenn alle gleichzeitig ihre rechte Gabel nehmen, dann verhungern sie vor den vollen Tellern.<\/p>\n<p>Die derzeitigen Diskussionen \u2013 nein die fehlenden L\u00f6sungen f\u00fcr diese simple Aufgabe \u2013 rund um die Unterbringung von Asylwerbern (und in Folge von anerkannten Fl\u00fcchtlingen) in \u00d6sterreich sind genau in diesem Dilemma. Jeder h\u00e4lt die Gabel in der Hand und verhindert damit eine L\u00f6sung des Problems. Das einzige was man daraus lernt: f\u00fcr ein Philosophenproblem braucht es keine akademische Intelligenz, das schaffen auch unausgebildete. Die Informatiker haben f\u00fcr solche Probleme <a href=\"http:\/\/scholar.google.at\/scholar?hl=de&amp;q=dining+philosophers&amp;btnG=&amp;lr=\">L\u00f6sungen gefunden<\/a>, schaffen wir das in der Politik auch, oder gesellt sich zum Markt- und Staatsversagen auch ein komplettes Versagen der Zivilgesellschaft?<\/p>\n<p>Vielleicht ist es jetzt an der Zeit endlich zu agieren, eine gemeinsame und akkordierte Strategie der Republik \u00d6sterreich mit allen Verwaltungsebenen und der Zivilgesellschaft zu entwickeln, wie man mit dem ver\u00e4nderten Rahmenkontext in einer komplexeren und konfliktreicheren Welt umgeht. Es braucht, so sagt <a href=\"http:\/\/www.roteskreuz.at\/news\/datum\/2015\/06\/01\/ngos-fordern-nationalen-aktionsplan-asyl\/\">das Generalsekret\u00e4r Werner Kerschbaum<\/a>, einen Nationaler Aktionsplan Asyl, der ber\u00fccksichtigt, dass pro Jahr bis zu 70.000 Personen nach \u00d6sterreich kommen, der mitdenkt, dass unbegleitete Minderj\u00e4hrige einen besonderen Schutz genie\u00dfen. Ein Plan, der gemeinsam entwickelt und gemeinsam umgesetzt wird, \u00fcber die Grenzen der Stufen unserer Rechts- und Verwaltungsordnung, strategische Ziele, die von allen geteilt werden, um gemeinsam an unser aller Zukunft zu arbeiten und nicht gegen irgendwelche Dystopien. Die Alternative, wenn man keinen &#8222;starken Mann&#8220; mag, der auch nichts zu L\u00f6sen imstande ist?<\/p>\n<p>Eine F\u00f6deratur, die man hinsichtlich ihrer Integration mit dem Europa im drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg vergleichen kann, nur noch provinzieller \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz nach Erdrutsch-artigen Wahlergebnissen finden allerorts Scherbengerichte statt, die dieses und jenes als Grund sehen, warum das Ergebnis so oder so ausgegangen ist. 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