{"id":661,"date":"2016-01-20T13:13:13","date_gmt":"2016-01-20T11:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.roteskreuz.at\/sociologist\/?p=661"},"modified":"2016-01-20T13:13:13","modified_gmt":"2016-01-20T11:13:13","slug":"verwendung-von-schockbildern-heiligt-der-zweck-die-mittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/2016\/01\/20\/verwendung-von-schockbildern-heiligt-der-zweck-die-mittel\/","title":{"rendered":"Verwendung von Schockbildern  \u2013 Heiligt der Zweck die Mittel?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zehn Thesen, um sie an eine Redaktionst\u00fcr zu nageln.<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>\n<figure id=\"attachment_662\" aria-describedby=\"caption-attachment-662\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-662\" src=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/01\/11083820_10155375848840557_2461866563940410991_o-300x200.jpg\" alt=\"Dramatische Bilder verwenden, oder lieber doch CatContent?\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/01\/11083820_10155375848840557_2461866563940410991_o-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/01\/11083820_10155375848840557_2461866563940410991_o-768x513.jpg 768w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/01\/11083820_10155375848840557_2461866563940410991_o-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/blogneu.roteskreuz.at\/sociologist\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/01\/11083820_10155375848840557_2461866563940410991_o.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-662\" class=\"wp-caption-text\">Dramatische Bilder verwenden, oder lieber doch CatContent?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn Niklas Luhmann einst gesagt hat, \u201e<em>Was wir \u00fcber unsere Gesellschaft, ja \u00fcber die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien\u201c, <\/em> so hat er auch das Feld definiert, in dem wir uns heute bewegen. Eine h\u00f6chst <strong>konstruktivistische Perspektive<\/strong> auf die Realit\u00e4t, die durch den Mikroausschnitt als Bild noch realer anmutet. So real, wie Kinder, M\u00e4dchen und Hunde sind, die sich der\/dem gesch\u00e4tzten Boulevard-Leser\/in Tag f\u00fcr Tag vor dem Auge pr\u00e4sentieren, so real muss alles werden, das in die ikonische Wirklichkeit Eingang finden soll. Kein Facebook-Portrait eines jungen M\u00e4dchens kann sich heute dem Anorexie-Paradigma entziehen, an dem es von seinen Peers gemessen werden wird.<\/li>\n<li>Bilder sind jedoch auch <strong>Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Gef\u00fchle<\/strong>, T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr die Gedanken der Rezipientinnen und Rezipienten. Wenn man nun versucht dieses eine Bild zu n\u00fctzen das man hat, diese Zehntelsekunde Aufmerksamkeit, die einem geschenkt wird, in Empathie des Betrachters f\u00fcr andere Menschen zu verwandeln. Daher muss dieses eine Bild gut gew\u00e4hlt sein: Anschlussf\u00e4higkeit, an kulturelle Ph\u00e4nomene ist ein wesentlicher Faktor. Emotionalisierung und eine ganze Geschichte \u2013 Kondensiert in einen einzigen Moment ist eine weitere Eigenschaft eines guten Bildes.<\/li>\n<li>So wie es zum <strong>guten Benehmen<\/strong> geh\u00f6rt, manchmal ein wenig von der \u201eNorm\u201c abzuweichen, so wie ein guter Musiker erst dann perfekt ist, wenn man ihn h\u00f6rt, weil er abweicht, so gilt das auch f\u00fcr die wirklich guten Bilder: Abweichen von der Norm, Abweichen vom goldenen Schnitt, von der gebotenen Sch\u00e4rfe. Schockeffekt, aber gez\u00e4hmt, sozusagen gesellschaftlich akzeptiert, als Mittel zum Zweck. Die Taferln des J\u00f6rg Haider waren in den 1990ern dieser Schockeffekt. In den 1950ern der Bikini, in den 1960ern der Mini-Rock. Heute l\u00e4uft der Diskurs auf anderer Ebene. Die Frage ist, was als verst\u00f6rend wahrgenommen wird, wo die Grenzen liegen. Das ist ein kulturelles Ph\u00e4nomen: verst\u00f6ren doch Bilder von ruhigen Almwiesen, K\u00fchen und Menschen in alpinesquer Tracht die urbanen Hipster heute mehr, als Hardcore-Pornographie (und umgekehrt)\u2026<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\">\n<li>F\u00fcr das Rote Kreuz steht die <strong>Menschenw\u00fcrde im Mittelpunkt<\/strong>. Wenn wir uns \u201eAus Liebe zum Menschen.\u201c Als zentrale Leitidee ins Logo t\u00e4towieren, so ist klar, wo unser Fokus liegt. Bilder, die das Rote Kreuz zeigt, werden immer den Menschen zeigen. Den Mensch in seiner W\u00fcrde, mit seinen Schw\u00e4chen. Was wir zeigen: Den Menschen, der Hilfe braucht, den Menschen, der Hilfe gibt. Das ist die Realit\u00e4t, mit der die humanit\u00e4ren Helfer des Roten Kreuzes tagt\u00e4glich konfrontiert sind.<\/li>\n<li>Wenn Journalisten nun <strong>zum Nachdenken<\/strong> anregen wollen, wenn sie einen Diskurs ansto\u00dfen wollen, dann bedarf es mit Sicherheit auch des schockierenden Bildes. Frau Merkel hat die Asylpolitik nicht ver\u00e4ndert, weil zehntausende anonym im Mittelmeer ertrunken sind, weil das Mittelmeer zum gr\u00f6\u00dften afrikanischen Friedhof wurde. Ein einziger lebloser Leichnam des f\u00fcnfj\u00e4hrigen Aylan aus Kobane, ertrunken Anfang September unterwegs von der T\u00fcrkei nach Griechenland, den ein T\u00fcrkischer Gendarm getragen hat, hat dazu gef\u00fchrt dass sich in ganz Europa die Stimmung ver\u00e4ndert hat. Vielleicht so, wie das Bild von Kim Ph\u00fac, die einst auf nackt der Flucht vor den Napalm-Bomben in Vietnam fotografiert wurde. Auch dieses Bild hat Politik gemacht, hat schlussendlich mit dazu gef\u00fchrt, dass die Stimmung in den USA gegen den Vietnam Krieg umgeschlagen ist.<\/li>\n<li>Die <strong>Motivation zum Helfen<\/strong>, zum Blut- Zeit- und Geldspenden ist nie das verst\u00f6rende Bild, das die Grenzen \u00fcberschritten hat. Diese Ikonographie l\u00e4hmt, macht hoffnungslos und hemmt empathisches Verhalten. Es mag zwar nach Machiavelli der Zweck die Mittel heilen, doch wenn die Mittel nicht funktionieren ist auch der Zweck verfehlt. Wirkung ist das Ma\u00df aller Dinge, auch bei der Wahl der Fotos.<\/li>\n<li>Der <strong>Kontext<\/strong> kann sich \u00e4ndern. In einer Gesellschaft die in ihrem Mediennutzungsverhalten noch sie so on time war wie jetzt ( es sei dahin gestellt ob dies gut oder schlecht ist), kann sich der Kontext innerhalb k\u00fcrzester Zeit \u00e4ndern \u2013 ob nun in Minuten oder Tagen. Es zahlt sich also aus wiederholt einen Blick auf Dinge, Geschehnisse und auch Fotos zu werfen. Ein Bild eines leblosen Kindes hat heute eine andere Bedeutung und Wirkung als Anfang August.<\/li>\n<li>In Zeiten der <strong>multimedialen sozialen Netzwerke<\/strong> ist auch der Bubble-Algorithmus von Facebook&amp;Co relevant. Content, besonders wenn es sich um Bilder (noch besser: Videos!) handelt muss teilbar sein und den Netzwerkkontakten (so etwas wie eine Zielgruppe, nur basierend auf einem Netzwerk) gefallen. Er muss kurzweilig oder zumindest rasch in seiner Gesamtheit erfassbar sein, dann kann er auch geteilt werden. Oder kurz: short, shareble, \u201escheh\u201c (von sch\u00f6n, um der Alliteration zu gen\u00fcgen)<\/li>\n<li>Zwischen dem Fotografen vor Ort und dem Rezipienten sind mehrere Ebenen an journalistisch, kulturell und auch sozial eingebetteten Experten \u2013 so genannte <strong>Gatekeeper<\/strong> &#8211; eingeschaltet, die jeweils bewusst entscheiden m\u00fcssen, ob sie die Bilder weiterleiten oder nicht. Die Verwendung der Bilder ist daher \u2013 zumindest was die Medien betrifft, aber auch bei NGOs, Hilfsorganisationen&amp;Co \u2013 immer intendiert und dient daher einem Zweck. Man darf sich daher immer fragen: \u201eCui bono?\u201c, also wer hier welches Interesse hat.<\/li>\n<li>Die Gegenbewegung zu den schockierenden Bildern erfreut sich auch gro\u00dfer Beliebtheit. #<strong>catcontent<\/strong> ist nicht nur ein Ph\u00e4nomen der neuen Biedermeierlichkeit, sondern zeigt eben jene Mechanismen auf, die in den sozialen Netzwerken relevant sind, die man als #memes bezeichnet.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Thesen, um sie an eine Redaktionst\u00fcr zu nageln. 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