Ein Einwand, der zu einfach klingt
Jemand hört bei der Feuerwehr auf. Nach fünfzehn Jahren. Die Begründung, die er dafür anbietet, ist auf den ersten Blick einleuchtend: Brandbekämpfung und Rettung seien hoheitliche Aufgaben. Wofür also die eigene Freizeit verpfänden, das Vereinsfest mitorganisieren, den Feuerwehrball besuchen, Spenden sammeln – für etwas, das der Staat ohnehin schulden würde?
Die Antwort, die sich aufdrängt, lautet: Der Staat soll zahlen. Mehr Personal, bessere Ausstattung, Anerkennung in Geld.
Diese Antwort ist nicht falsch. Aber sie ist zu klein für das Problem. Sie beantwortet die Frage der Finanzierung und übersieht die Frage der Funktion.
Delegation und ihre stillen Kosten
Die Moderne hat uns ein Versprechen gegeben: dass zentrale Aufgaben der Daseinsvorsorge – Sicherheit, Rettung, Grundversorgung – nicht mehr von Zufall oder Gnade abhängen, sondern von Institutionen. Das ist keine Nebensächlichkeit, das ist die eigentliche Errungenschaft demokratischer Ordnung.
Aber in dieser Errungenschaft steckt eine Verwechslung, die selten benannt wird: die Annahme, Delegation leiste dasselbe wie geteilte Verantwortung.
Sie leistet das nicht.
Moderne Macht, das hat Foucault gezeigt, funktioniert nicht primär durch sichtbare Befehlsgewalt, sondern durch Infrastrukturen, die sich selbst evident machen – die im Gelingen unsichtbar werden. Das Wasser läuft, die Straße ist geräumt, der Rettungswagen kommt. Niemand denkt darüber nach. Niemand fühlt sich zuständig. Das System hat es geregelt.
Diese Unsichtbarkeit ist die eigentliche Leistung von Infrastruktur – und zugleich ihr Preis. Wenn ich eine Institution ausschließlich als Infrastruktur erlebe, verändert sich mein Verhältnis zu ihr. Ich werde nicht mehr Mitglied einer Gemeinschaft, die gemeinsam Risiko verwaltet. Ich werde Nutzer eines Dienstes, der mir zusteht – unabhängig davon, wofür ich ihn tatsächlich beanspruche.
Ein Beispiel aus der vergangenen Woche macht das konkret. Ein Rettungsdienst wird mitten in der Nacht gerufen – vermeintlich ein urologischer Notfall. Tatsächlich geht es darum, mit einem diensthabenden Facharzt über eine bestehende Erkrankung zu sprechen, weil sich sonst kein Termin finden ließ. Drei freiwillige Rettungssanitäter:innen sind für neunzig Minuten gebunden – Zeit, die sie in der Bereitschaft sonst zum Schlafen genutzt hätten.
Das ist kein Einzelfall böser Absicht. Es ist die logische Konsequenz einer Infrastrukturlogik: Ein System, das rund um die Uhr verfügbar, kostenlos und anonym funktioniert, wird irgendwann auch für Dinge beansprucht, für die es nicht gedacht war – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil niemand mehr spürt, dass am anderen Ende reale Menschen ihre eigene Nachtruhe für andere hergeben.
Was in diesem Moment verloren geht
An dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzusehen, was mit dem Satz „das macht eine Gesellschaft ärmer“ eigentlich gemeint ist. Es ist kein moralischer Vorwurf. Es ist eine Beschreibung eines konkreten Verlusts – des sozialen Kapitals, das in genau solchen Situationen entsteht oder eben nicht entsteht.
Wenn ich weiß, dass die Person, die mich um vier Uhr in der Früh versorgt, ihre eigene Zeit dafür hergibt, verändert das die Beziehung. Es entsteht eine – wenn auch flüchtige – Verpflichtung: Anerkennung, Zurückhaltung, vielleicht sogar Dank. Diese Verpflichtung ist der Rohstoff, aus dem sich Vertrauen zwischen Fremden bildet – die Grundlage dessen, was man gesellschaftlichen Zusammenhalt nennt.
Wird dieselbe Leistung als anonyme Infrastruktur erlebt, entfällt diese Verpflichtung. Es bleibt ein Anspruch. Und ein Anspruch erzeugt keine Bindung – er erzeugt höchstens Unzufriedenheit, wenn er nicht erfüllt wird.
Das ist der eigentliche Verlust: nicht Geld, nicht Effizienz, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, aus alltäglichen Situationen gegenseitige Verpflichtung und Vertrauen zu erzeugen. Eine Gesellschaft, die diese Fähigkeit verliert, wird nicht unmittelbar sichtbar ärmer. Sie wird es erst dann, wenn sie in einer echten Krise merkt, dass niemand mehr bereit ist, über die eigene Zuständigkeit hinauszugehen.
Die Gabe und ihr Rückfluss
Marcel Mauss hat in seiner Untersuchung archaischer Tauschsysteme eine Struktur beschrieben, die weit über ihren ursprünglichen Gegenstand hinausreicht: Geben, Empfangen, Erwidern. Eine Gabe ist nie folgenlos – sie erzeugt eine Verpflichtung zur Erwiderung, und genau diese Verpflichtung stiftet soziale Bindung, wo ein reiner Tausch sie nicht könnte.
Freiwilligenarbeit ist eine solche Gabe. Wer in die Feuerwehr, ins Rote Kreuz, in den Musikverein geht, gibt Zeit, Aufmerksamkeit, Mut, Wissen. Er empfängt dafür etwas, das sich schwer beziffern lässt: Zugehörigkeit, Anerkennung, das Gefühl, gebraucht zu werden.
Aber dieser Rückfluss – das, was man mit Bourdieu symbolisches Kapital nennen könnte – funktioniert nur unter einer Bedingung: Die Institution, der ich etwas gebe, muss als soziale Entität erkennbar bleiben, nicht als anonyme Infrastruktur. Ich kann keine Anerkennung von einem System empfangen. Ich kann sie nur von Menschen empfangen, die wissen, dass ich etwas gegeben habe – von der Ortsfeuerwehr, die meinen Namen kennt, von der Rot-Kreuz-Dienststelle, in der man merkt, ob ich da war oder nicht.
Wird diese Institution zur reinen Dienstleistungsinfrastruktur, wird auch die Gabe unsichtbar. Ich gebe – aber niemand nimmt es als Gabe wahr. Der Rückfluss bleibt aus. Und ohne Rückfluss versiegt irgendwann die Bereitschaft zu geben.
Damit ist auch die Brücke geschlagen zu einer Frage, die über den einzelnen Austritt hinausweist: Was genau geht verloren, wenn diese Institutionen aufhören, sichtbare Gemeinschaften zu sein – und was bedeutet das für die, die dort erst hineinwachsen?
Sozialisierung, die man nicht ersetzen kann
Hier liegt ein Aspekt, der in der Debatte um Ehrenamt und Staatsaufgabe fast immer übersehen wird: Freiwilligenarbeit sozialisiert. Sie tut das nicht nebenbei, sondern strukturell – und sie tut es auf eine Weise, die kaum eine andere Institution der Spätmoderne noch leistet.
Eine eigene, vor Jahren durchgeführte Befragung unter ehemaligen Zivildienstleistenden des Österreichischen Roten Kreuzes zeigt dieses Muster mit bemerkenswerter Deutlichkeit. Von den mehr als tausend Befragten gaben rund neun von zehn an, sich seither besser auf Notfälle im eigenen Umfeld vorbereitet zu fühlen. Ähnlich viele berichteten von Freundschaften, die aus dieser Zeit entstanden sind und bis heute halten. Fast zwei Drittel gaben an, der Zivildienst habe ihnen die Bedeutung freiwilligen Engagements überhaupt erst vermittelt – und rund ebenso viele führten die eigene spätere Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren, unmittelbar auf diese Zeit zurück. Bei mehr als einem Viertel hatte die Erfahrung sogar Einfluss auf die spätere Berufswahl.
Diese Zahlen beschreiben etwas Spezifisches: eine Institution, die junge Menschen nicht mit Wissen versorgt, sondern mit einer leiblichen Erfahrung von Verantwortung. Wer im Einsatz steht – ob im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr oder im Katastrophenschutz – lernt nicht abstrakt, dass Hilfe wichtig ist. Er lernt es daran, dass sein eigenes Handeln unmittelbare Folgen für einen anderen Menschen hat. Diese Verantwortung ist nicht delegierbar, weil sie im eigenen Körper, in der eigenen Entscheidung verankert ist.
Das ist eine Form von Sozialisation, die die übrige Moderne kaum noch kennt. In der Schule lernt man Abstraktionen. In der Erwerbsarbeit ordnet Hierarchie das Handeln. Feuerwehr, Rettungsdienst und vergleichbare Freiwilligenstrukturen gehören zu den wenigen verbliebenen Orten, an denen junge Menschen erleben, als ganze Person gebraucht zu werden.
Und diese Erfahrung perpetuiert sich. Wer als Jugendlicher gelernt hat, dass er gebraucht wird, trägt diese Grundhaltung mit größerer Wahrscheinlichkeit in andere Lebensbereiche weiter. Das ist keine punktuelle Bindung an einen Verein. Das ist die Reproduktion von Gemeinschaftsfähigkeit über Generationen hinweg.
Kommunikation statt Dienstleistung
Niklas Luhmann hat Gesellschaft nicht als Ansammlung von Institutionen beschrieben, sondern als ein System, das sich durch Kommunikation selbst erzeugt und erhält. Institutionen sind in dieser Perspektive nicht das Fundament, sondern das Ergebnis andauernder Kommunikationsprozesse.
Das verschiebt die Fragestellung. Nicht: Braucht es eine Feuerwehr? (Selbstverständlich.) Sondern: Welche Art von Kommunikation findet statt, wenn Menschen sich freiwillig zusammenfinden, um ein gemeinsames Risiko zu tragen?
Eine Freiwillige Feuerwehr, eine Rot-Kreuz-Ortsstelle sind nicht in erster Linie Einsatzorganisationen. Sie sind Kommunikationssysteme. Wer übernimmt die Nachtschicht. Wer bildet den Neuen aus. Was war am letzten Einsatz gut, was nicht. Diese alltäglichen Aushandlungen machen mich als Handelnden sichtbar – mein Fehler hat Konsequenzen für andere, meine Idee wird gehört oder verworfen, aber nicht ignoriert.
Das ist das genaue Gegenteil dessen, was Infrastruktur leistet. Infrastruktur macht mich unsichtbar, damit sie funktioniert. Gemeinschaft macht mich sichtbar, damit sie funktioniert.
Gemeinsame Verwaltung von Risiko
Elinor Ostrom hat gezeigt, dass es neben Staat und Markt einen dritten Weg gibt, gemeinsame Ressourcen zu verwalten: durch Gemeinschaften, die eigene Regeln aufstellen und selbst durchsetzen. Die Stabilität solcher Systeme hängt entscheidend davon ab, dass jene, die den Regeln folgen, an ihrer Gestaltung mitwirken konnten.
Eine Freiwillige Feuerwehr ist eine solche gemeinsame Verwaltung von Risiko – lokal, partizipativ, selbstverantwortet. Der Staat kann diese Aufgabe organisieren, ausstatten, finanzieren. Was er nicht erzeugen kann, ist die Legitimität, die aus eigener Regelsetzung entsteht. Man kann Löschkapazität staatlich bereitstellen. Vertrauen kann man nicht verordnen.
Zentralisierung wirkt kurzfristig effizienter. Langfristig geht ihr genau jene Stabilität verloren, die durch Beteiligung und gegenseitige Kontrolle entsteht.
Orte, an denen Gesellschaft sich verdichtet
Solche Vereine – die Feuerwehr, das Rote Kreuz, der Musikverein, der Sportklub – sind das, was man Kristallisationspunkte nennen könnte: Orte, an denen diffuse gesellschaftliche Bindung konkret wird. Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen sich dort für etwas, das weder staatlich verordnet noch marktförmig entlohnt ist. Sie müssen zusammenarbeiten, um eine Aufgabe zu bewältigen, und lernen einander dabei nicht als Rolle – Kunde, Patient, Kollege –, sondern als Person kennen.
Verschwinden solche Orte, verliert eine Gesellschaft nicht nur Freizeitangebote. Sie verliert die Mittelzone zwischen radikaler Vereinzelung und vollständiger staatlicher Verwaltung – jenen Raum, in dem Menschen freiwillig lernen, mit Fremden zusammenzuarbeiten.
Zwei Logiken, die sich nicht ersetzen
Damit ist klar, wogegen sich dieser Text nicht richtet: gegen eine gut ausgestattete, professionelle Rettungs- und Brandbekämpfungsstruktur. Im Gegenteil. Es gibt zwei unterschiedliche Funktionslogiken – die der Infrastruktur (verlässlich, skalierbar, professionell) und die der Gemeinschaft (partizipativ, verpflichtend, sozialisierend). Beide sind notwendig. Aber sie lassen sich nicht ineinander auflösen, ohne dass eine von beiden beschädigt wird.
Wo der Staat Rettung und Brandbekämpfung als Infrastruktur professionell organisiert, leistet er genau das, was Infrastruktur leisten soll. Wo er dieselbe Aufgabe stattdessen unbezahlten Freiwilligen überlässt – ergänzt um Spendensammelzwang und Vereinsfeste, um die Finanzierung der Ausrüstung zu sichern – zerstört er das zweite System, ohne das erste tatsächlich bereitzustellen.
Der Sonderfall Wien
Die bisherige Argumentation gilt für den ländlichen und kleinstädtischen Raum, in dem Feuerwehr und Rettungsdienst überwiegend freiwillig organisiert sind. In Wien liegt der Fall anders, und dieser Unterschied ist selbst aufschlussreich.
Wien hat eine Berufsfeuerwehr und eine kommunale Berufsrettung. Beides ist durchgehend staatlich – genauer: städtisch – organisiert, nicht freiwillig getragen. Das ist historisch kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sehr spezifischen politischen Pfadabhängigkeit, die sich aus heutiger Sicht ideologisch fast widersprüchlich liest.
Aus einer sozialdemokratischen Perspektive wäre die konsequentere Antwort auf die Frage, wer Rettung und Nothilfe organisiert, eigentlich die Selbstermächtigung der eigenen Klasse gewesen – so wie es die Arbeitersamariter-Bewegung andernorts vorgemacht hat: Nothilfe als Ausdruck organisierter Solidarität unter Gleichen, selbstverwaltet, nicht von oben verliehen. Genau das hätte man von einer Bewegung erwarten können, deren gesamte Programmatik auf kollektiver Selbstorganisation beruhte.
Dass Wien stattdessen den Weg der vollständigen Kommunalisierung gewählt hat, lässt sich nur verstehen, wenn man sich ansieht, wogegen diese Entscheidung gerichtet war. Die bürgerliche Zivilgesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Vereinswesen, Freiwillige Feuerwehren eingeschlossen – war keineswegs neutral oder allen offen. Sie war entlang von Klasse, Konfession und nationaler Zugehörigkeit organisiert, oft explizit exkludierend. Für das sozialdemokratische Wien der Zwischenkriegszeit war „Vereinswesen“ daher nicht Ausdruck von Solidarität, sondern von partikularer, bürgerlicher Selbstverwaltung, die genau jene ausschloss, die sie am nötigsten gehabt hätten.
Die Konsequenz war eine bewusste Gegenbewegung: nicht Selbstorganisation der Arbeiterklasse in eigenen Vereinen, sondern Universalisierung durch die Kommune. Eine Leistung, die allen gleichermaßen zusteht, unabhängig von Vereinszugehörigkeit, Konfession oder Nationalität, schien der sicherere Weg zu Gleichheit als der Aufbau paralleler, klassenbasierter Vereinsstrukturen. Man wählte den Staat nicht, weil man Selbstorganisation für falsch hielt, sondern weil die vorhandene Zivilgesellschaft selbst nicht solidarisch, sondern exklusiv war.
Diese Pfadabhängigkeit erklärt, warum Wien heute eine der am stärksten professionalisierten und zugleich am wenigsten freiwillig getragenen Rettungs- und Feuerwehrstrukturen Europas hat – ein Ergebnis, das mit den eingangs entwickelten Kristallisationspunkten in Widerspruch zu stehen scheint, es aber nicht tut, sobald man die historische Ausgangslage mitdenkt.
Im 21. Jahrhundert stünde diese Wahl vermutlich anders da. Die Voraussetzung, die die Verstaatlichung notwendig erscheinen ließ – eine strukturell exkludierende Zivilgesellschaft entlang von Klassengrenzen –, besteht in dieser Form nicht mehr. Freiwilligenorganisationen sind heute selten so exklusiv codiert wie die bürgerlichen Vereine der Jahrhundertwende. Die Entscheidung zwischen Kommunalisierung und Selbstorganisation wäre heute keine Entscheidung mehr zwischen Gleichheit und Ausschluss, sondern tatsächlich eine zwischen zwei legitimen Formen der Aufgabenerfüllung – und genau diese Wahlfreiheit hat die Geschichte für Wien bereits getroffen, lange bevor die Frage sich in dieser offenen Form hätte stellen können.
Warum der Ausstritt eine berechtigte Antwort ist
Damit zurück zum Ausgangspunkt. Die Erschöpfung, von der eingangs die Rede war, ist real – komplexere Einsätze, wachsende psychische Belastung, schwindende Anerkennung. Das erklärt vieles. Aber die eigentliche Rationalisierung liegt tiefer.
Solange Freiwilligenarbeit als Gabe erlebt wird, funktioniert die Struktur von Mauss: geben, empfangen, erwidern. Wird sie stattdessen zur unbezahlten Übernahme einer Aufgabe, die eigentlich hoheitlich definiert ist, bricht diese Struktur zusammen. Es bleibt nur noch die Last, ohne den Rückfluss. Und wo der Rückfluss ausbleibt, endet irgendwann auch die Bereitschaft zu geben.
Der Ausstritt ist dann keine Frage der Belastbarkeit. Er ist eine korrekte Diagnose: Diese Institution funktioniert nicht mehr als Gemeinschaft. Sie funktioniert als unbezahlte Verwaltung einer staatlichen Aufgabe.
Was auf dem Spiel steht
Bricht Freiwilligenarbeit auf diese Weise zusammen – nicht aus mangelndem Idealismus, sondern aus struktureller Überforderung –, verliert eine Gesellschaft mehrere Dinge gleichzeitig: die Sozialisierung junger Menschen in leibliche Verantwortung; die Kristallisationspunkte, an denen Vertrauen über soziale Grenzen hinweg entsteht; die lokale Selbstverwaltung von Risiko; und die alltägliche Erfahrung, aufeinander angewiesen zu sein.
Das ist keine abstrakte Klage. Es ist eine strukturelle Verschiebung mit langem Vorlauf – und entsprechend langer Erholungszeit, sollte man sie irgendwann korrigieren wollen.
Eine mögliche Architektur
Die Antwort liegt nicht darin, dass sich der Staat zurückzieht und alles der Freiwilligkeit überlässt – das wäre romantisch und würde scheitern. Sie liegt auch nicht allein in höherer Bezahlung.
Sie liegt darin, beide Logiken sauber zu trennen und beide ernst zu nehmen: professionelle, gut finanzierte Infrastruktur dort, wo sie gebraucht wird – und daneben, nicht anstelle davon, Freiwilligenstrukturen, die nicht zur Finanzierungslücke der Infrastruktur werden. Freiwillige Feuerwehren, die nicht selbst für ihre Ausrüstung betteln müssen. Rot-Kreuz-Dienststellen, in denen Engagement Zeit kosten darf, ohne das System zu gefährden.
Das ist nicht billig. Aber eine Gesellschaft, die ihre Infrastruktur auf Kosten ihrer Kristallisationspunkte aufbaut, spart nicht. Sie verschiebt die Kosten – auf später, und auf einen Bereich, der sich schwerer reparieren lässt als ein Budget.
Anstoß für diesen Essay war ein Kommentar im Standard-Forum zu einem Erfahrungsbericht über den Austritt aus einer Freiwilligen Feuerwehr nach fünfzehn Jahren.
Quellen
Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen: Schwartz.
Czech, Gerald (2012): Zivildienst als wichtige Sozialisationsinstanz oder „Erziehung zur Menschlichkeit“. Eine empirische Studie unter (ehemaligen) Zivildienstleistenden des Österreichischen Roten Kreuzes. Wien: Österreichisches Rotes Kreuz.
Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Luhmann, Niklas (1994): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Mauss, Marcel (1990): Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ostrom, Elinor (1999): Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. Tübingen: Mohr Siebeck.