Wissensmanagement dekonstruiert.

Wie können gemeinnützige Organisationen die kollaborativen Tools und Netzwerke des Internets nutzen, um Wissen zu generieren, zu vermitteln, zu bewahren und zu pflegen?

Das fragt Brigitte Reiser von Nonprofits-Vernetzt im Rahmen der aktuellen NPO-Blogparade.

In ihrer Einleitung argumentiert Reiser, dass die Tools der Social Media für das Wissensmanagement nahezu prädestiniert wären und das NPOs derzeit eher zu wenig Gebrauch von derartigen Tools per se machen:

Meines Erachtens würde das Wissen von Nonprofits an strategischem Wert gewinnen, wenn es über das Internet stärker öffentlich gemacht würde. Nur so könnte man sich auf gesellschaftlicher Seite einen realistischen Überblick über die Situation im sozialen/kulturellen/… Sektor verschaffen und Lösungsmöglichkeiten entwickeln.

Die Frage die sich hier stellt ist, ob das tatsächlich mit Wissensmanagement zu tun hat, oder  eher in Richtung Legitimation der Akteurinnen gegenüber der interessierten Zivilgesellschaft geht?

Ich denke dass die „neuen“ Tools bereits durchaus Eingang in die NPO-Alltagsrealität gefunden haben. Je nach Organisationskultur und  -Selbstverständnis gilt es allerdings unterschiedlichste Tasks umzusetzen. Diese Organisationsrealität habe ich ja bereits als Grundlage im Artikel „Interne Herausforderungen für Web2.0 in NPOs“ angesprochen. Wahrscheinlich ist diese eigene Kultur, die feldspezifische Doxa oder „Illusio“, wie das Pierre Bourdieu (vgl. Blogbeitrag hier) bezeichnen würde, ein viel wesentliches Merkmal für die Social Media Nutzung einer Organisation, als ihre ökonomisch/politische Zuordnung zum NPO-Sektor oder zur Ökonomie.

Kollaboration ist beispielsweise für uns (das Österreichische Rote Kreuz) als stark operative NPO im Gesundheits- und Sozialbereich eine seit Jahren laufend geübte Praxis. Auch das Web1.0 war bereits zu einem erkläglichen Teil Kommunikationstool für die eigenen MitarbeiterInnen und –Mitarbeiter, die Tools der sozialen Medien haben diese Komponenten in jedem Fall gestärkt. Eine aktive Suche nach „Wissensmanagement“ im gesamten Rotkreuz-Onlineportal findet insgesamt fünf Beiträge – davon drei vom Forschungsinstitut, das eine jährliche „Wissensbilanz“ als Tätigkeitsbericht publiziert. Ein Treffer betrifft eine Projektdatenbank „PROSA – Projekte mit Sozialem Anspruch“ auf in unserem Portal. Das zeigt, dass die Begrifflichkeit „Wissensmanagement“ im Falle des Österreichischen Roten Kreuzes keine große Bedeutung hat, was nicht heißt, das bei uns kein Wissen generiert, vermittelt, bewahrt oder geplegt wird.

Vielfach erscheint der Begriff des „Wissensmanagement“ gehyped, viele Berater setzten auf dieses Pferd, wiewohl die Spitze dieser Management-Mode schon fast vorbei sein dürfte. Wann, und da meldet sich bei mir auch wieder der Praktiker, wird „Wissen gemanaged“ und wann nur „intern Kommuniziert“; wann ist ein Tool einfach Feedback-Generierend und wann wird damit Wissen bewahrt. Ist ein System zur Erfassung von „Critical Incidents“, also zur Fehlererfassung bereits ein Wissensmanagement-Tool, wie sieht es mit Online-Trainingsplattformen aus?

Als stark von sozialwissenschaftlichen Theoretikern geprägt postuliere ich jetzt, dass jegliche strukturierte Anwendung von Tools zur Verbesserung von innerorganisatorischem Sozialkapital (im Sinne der Bourdieuschen Definition, also im Sinne von sozialer Vernetzung) im weitesten Sinn neben dem Feld selbst auch das Wissen des Feldes strukturiert. Allein die partizipative Grundhaltung der Feldorthodoxie, das Formulieren von „Best Practices“ und „Lessons Learnt“, das eigene interne Verkaufen von Erfolgsmodellen erlaubt schon die Kategorisierung als „Wissensmanagement“. Und gerade diese Vernetzungen passieren durch die modernen Tools des Web2.0, so dieser Begriff von Tim O’Reilly noch erlaubt ist. Ich bin mir sicher, das ganze lässt sich auch systemtheoretisch begründen, ich bin allerdings im Moment noch derartig im Bourdieuschen Paradigma, dass ich hier geistig noch nicht flexibel bin.

So gesehen wirken alle partizipativen Tools, deren Content durch die Verwendung von digitalen Systemen gespeichert werden, im Sinne der ersten Frage Wissen generierend. Die Frage ist natürlich, ob dahinter auch das strategische Ziel steht, diese Methoden zu just dieser Zielerreichung zu verwenden. Sonst ist das Wissensmanagement einfach eine Art Kollateralschaden des eigenen (hoffentlich zumindest strukturierten) Kommunikationshandelns.

Wie schon in anderen Blogbeiträgen sehe ich die neuen Tools des Social Webs nur als Ergänzung zu bestehenden Tools. Auch die Methoden der Barcamps, Socialbars, … erscheinen weitere interessante Möglichkeiten hier bestehende Strukturen zu ergänzen und damit im Sinne eines breiten Methodenmixes die strategisch geplanten Organisationsziele auch operativ zu erreichen. Mir ist schon klar, dass ich hier wenig operative Beispiele gebe, sondern um die Begrifflichkeiten und Ziele diskutiere – ich denke aber, dass genau das ein primär wichtiger Schritt ist, die Frage zu dekonstruieren und zu den dahinterliegenden Phänomenen vorstoßen zu können.

Zum Schluss noch ein Link zu verschiedenen Social-Media Informationen des Österreichischen Roten Kreuzes.

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