Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 9. Mai 2003

Martina Schloffer in bagdad
Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Heute ist Freitag, in muslimischen Ländern wie dem Irak ist das der Sonntag. Deshalb haben wir heute ausnahmsweise erst um 9 Uhr angefangen zu arbeiten. Unsere Delegation liegt im Herzen Bagdads. Täglich bilden sich vor dem Gebäude Trauben von Menschen, denn wir erfüllen ein riesiges Bedürfnis – wir stellen den Kontakt zu Brüdern, Schwestern, Onkeln, Tanten, Eltern innerhalb und außerhalb des Irak her. Vor dem Eingang sieht es aus, wie beim Einlass zu einem Rolling Stones-Konzert: Wir haben pinkfarbene Plastikketten gespannt, damit die Leute der Reihe nach drankommen und sich im Schatten anstellen können. Im Garten ist ein Zelt aufgebaut, indem Satellitentelephone für die Kontaktaufnahme zur Verfügung stehen und die so genannten „Save and Well“-Messages, die Verwandte von irgendwoher an ihre Familien nach Bagdad geschickt haben, abgeholt werden können. Den ganzen Tag über herrscht stürmischer Andrang.

Für mich ist es enorm berührend zu sehen, wie vielen Leuten auf diese Art täglich geholfen wird, wie Augen zu strahlen beginnen, Gesichter lächeln, wenn für zwei Minuten ein telefonischer Kontakt zu geliebten Menschen entsteht. Wir fahren auch mit den Telefonen in die Stadtviertel hinaus und bieten den Service dort an.

Eine traurige und erschütternde Erfahrung ist es zu hören, wie viele Menschen, die im Krieg umgekommen sind, einfach an Straßenecken, unter Gehsteigen schnell verscharrt worden sind. Die Angehörigen flehen uns an, die Leichnahme zu exhumieren, damit sie sich in einer ordentlichen Trauerzeremonie von ihnen verabschieden können. Das ist eine der großen Aufgaben, die vermutlich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz übernehmen wird, weil es keine Stadtverwaltung oder Administration gibt, die das sonst tun könnte. Täglich sitzen viele Trauernde oder Traumatisierte in unserer Eingangshalle und erzählen psychologisch geschulten IKRK-Mitarbeitern ihre Geschichte. Das ist sehr wichtig, die Menschen müssen das Erlebte loswerden.

Jeder Mensch ist ein einzelner Fall, der geduldig und sorgsam behandelt werden muss. Hilfe ist nicht, Lebensmittel an Tausende zu verteilen, sondern individuelle Betreuung.
In Bagdads Spitälern ist die Sicherheitslage das Hauptproblem. Ärzte und Schwestern arbeiten unter schwierigen Bedingungen, weil die Krankenhäuser eigentlich regelmäßig von bewaffneten Gruppen geplündert werden. Das Personal bekommt auch nach wie vor keine Gehälter. Das IKRK hat in seinen Lagern genügend Medikamente und Geräte, um die Spitäler auszustatten, das Problem ist aber, dass oft keine Kühleinrichtungen vorhanden sind oder keine geschulten Apotheker. Deshalb besuchen wir täglich jedes Krankenhaus in der Stadt, um sie mit dem Tagesbedarf an Arzneimittel zu beliefern.

Im Moment sind wir etwa 300 irakische Mitarbeiter und schon über 70 internationale Delegierte – und es werden täglich mehr. Unsere Assessment-Teams fahren auch immer mehr aus der Stadt hinaus. Sie bestehen meistens aus medizinischen Spezialisten, Suchleuten und Wassertechnikern, klären die Bedürfnisse in der Umgebung ab und schicken dann die passenden Teams. Die Wassertechniker sind immer noch sehr gefragte Leute, denn die meisten Wasserwerke funktionieren nach wie vor nicht.

Die Sicherheitslage in Bagdad ist noch immer sehr fragil. In der Nacht herrscht Ausgangssperre und man hört immer wieder Schießereien. Ich fühle mich nicht bedroht, aber ich glaube inzwischen auch, dass wir internationale Mitarbeiter uns in einem Gefühle der „falschen Sicherheit“ wiegen. Es fehlt uns an nichts, wir haben zum Beispiel Strom und Wasser, weil unsere Häuser und Büros an Generatoren angeschlossen sind. Für die Bevölkerung sind ein paar Stunden Strom und fließendes Wasser am Tag schon ein Luxus. Wir bewegen uns meistens in Autos durch die Stadt, die durch die großen, weithin sichtbaren Rotkreuz-Embleme geschützt sind und nicht angegriffen werden. Wir arbeiten täglich von halb acht bis 20 Uhr, dann müssen wir wegen der Ausgangssperre alle in den Quartieren zurück sein. Dann hoffe ich nur noch, dass unser Koch etwas zu Essen vorbereitet hat.
Die Versorgung mit Lebensmittel ist in Bagdad kein Problem, es gibt alles, die Geschäfte haben geöffnet, allerdings schließen sie früh am Nachmittag, weil die Menschen noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein wollen. Die Schwierigkeit für die Bevölkerung ist meistens, dass die Preise für Lebensmittel angestiegen sind und sie kein Bargeld haben. Der Großteil bekommt keine Gehälter und das Bankwesen funktioniert überhaupt nicht.

Seit meiner Ankunft habe ich noch keinen freien Tag gehabt, aber wie gesagt, es ist einfach unglaublich zu sehen, wie sehr jeder einzelne von uns den Menschen hier helfen kann.

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