Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 28. Mai 2003

Martina Schloffer in bagdad
Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Die Wiedervereinigung von Familien ist nach wie vor eines unserer Hauptthemen im Irak. Die Teams mit den Satelliten-Telefone sind mittlerweile im ganzen Land unterwegs, jedem ist ein zweiminütiges Telefonat erlaubt. Auch nach Österreich haben wir schon Anrufe verzeichnet. Die zweite Schiene der Kontaktaufnahme sind die Rotkreuz-Nachrichten, die auf dem Papier ausgefüllt und über die nationalen Rotkreuz-Gesellschaften in fast alle Länder der Welt verteilt werden können. Diesen Nachrichtendienst bieten wir vor allem Menschen an, die per Telefon schon einen ersten Kontakt hergestellt haben.

Waffenrückstände, nicht explodierte Geschosse und zurück gelassene bewaffnete Fahrzeuge stellen nach wie vor eine extreme Bedrohung im ganzen Land dar. Die Straßen sind übersäht von Fahrzeugen, leichte Artillerie steht für jedermann greifbar herum. Auch in der Stadt, in Parks und Grünstreifen beobachten wir immer wieder Kinder, die beim Spielen im Gras Irgendetwas aufheben und plötzlich Granaten in der Hand haben. Alle 400 Rotkreuz-Mitarbeiter sind mittlerweile mit Formularen ausgestattet, um die Stellen, an denen noch Munitionsrückstände herumliegen, an die Koalitionstruppen zu melden.

Das Militär ist dann dafür zuständig, die Stellen zu kennzeichnen und früher oder später auch zu räumen. Immer wieder hört man auch hier in Bagdad gelenkte Explosionen, die diese Gefahr aber nur teilweise entschärfen. Denn die Sprengmeister kommen mit dem Aufräumen gar nicht nach. Vor ein paar Tagen ist wieder eine Missile in einem Wohnhaus explodiert, nachdem sie wochenlang dort gelegen ist.

Diese hochgefährlichen Sprengkörper liegen auch massenhaft in den Straßengräben entlang der Highways. Die markierten Stellen sind allerdings auch zweischneidig. Die roten Fahnen machen die abgesteckten Areale für Kinder noch interessanter. Und jede Fläche, die nicht markiert ist, gilt in der allgemeinen Wahrnehmung entsprechend als ungefährlich. Was aber oft nicht der Fall ist, weil die Truppen wie gesagt mit dem Aufräumen und Markieren nicht nachkommen. Wir nehmen diese Gefahr sehr ernst und haben uns die Aufklärung und Warnung der Bevölkerung – speziell der Kinder – zur Aufgabe gemacht. Rotkreuz-Mitarbeiter gehen mit Bildergeschichten und Cartoons in die Schulen, besuchen Versammlungsorte in Bagdad und den Provinzen.

Die Infrastruktur des täglichen Lebens betreffend, macht vor allem Bagdad laufend Fortschritte. Vor dem Krieg war die 5-Millionen-Stadt wie jede andere Metropole der Welt auch 24 Stunden täglich mit Strom versorgt. Mit bis zu acht Stunden Elektrizität täglich kommen wir in Bagdad langsam auf das ansonsten für ländliche Provinzen übliche Niveau. Aber immerhin, die Versorgung wird von Woche zu Woche besser. Die Löhne für die Mitarbeiter der Kraftwerke stehen auch ganz oben auf der Prioritätenliste, weil ohne Strom gibt es auch kein Wasser. Wasser ist in diesem Land komplett von elektrischen Pumpen abhängig – dort fehlt ständig etwas, unsere Wassertechniker sind nach wie vor im Dauereinsatz. Immer wieder werden aus Straßen Abwasserseen, weil wieder eine Pumpe zur Entsorgung ausgefallen ist. Die Normalität und Ordnung werden wohl auch im Straßenbild noch einige Zeit auf sich warten lassen, aber wir machen Fortschritte.

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