Einsatz im Urlaubsparadies?

Normalerweise verbindet man die griechischen Inseln nicht mit Leid und menschlichen Tragödien, sondern mit unbeschwertem Urlaub – das hat sich in den letzten Jahren aber recht dramatisch geändert (übrigens nicht nur hier).

Kos Strand mit Zelten
Der Strand in Kos. Wo sich sonst Touristen sonnen, stehen die Zelte der Flüchtlinge.

Ich selbst war 2000 auf Kos, um mit meinen StudienkollegInnen den erfolgreichen Abschluss zu feiern – irgendwie war da dieser Teil der Welt noch in Ordnung – vielleicht haben wir auch einfach nur nicht viel über den Tellerrand geblickt. Heute stehen neben Bars und Restaurants und der berühmten Festung eine Menge Zelte. Am Hafen liegen die Überreste jener Boote verankert, mit denen die meisten Asylwerber die kurze Strecke von der Türkei her übersetzt haben. Aber beginnen wir von vorne.

Flüchtlingsboote Kos Hafen
Mit diesen kleinen Booten versuchen viele Menschen ihre Flucht über das Mittelmeer. Wie viele es nicht schaffen, weiß niemand.

Mitte letzter Woche forderte das Internationale Rote Kreuz (in diesem Fall die Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-gesellschaften) zwei Personen für einen zweiwöchigen Einsatz auf Kos und Lesbos an – Entsendung sofort. Eine sehr erfahrene Kollegin, Lidwina, und ich wurden für den Einsatz ausgewählt.

Hilfe für das Griechische Rote Kreuz

Unsere Aufgabe in den kommenden zehn Tagen ist es, das Griechische Rote Kreuz bei der Planung und Abwicklung der Hilfsgüterverteilungen an Flüchtlinge zu unterstützen. Ein bisschen dürfen wir auch in die Zukunft blicken und Daten für neue Projekte sammeln und analysieren (Bedarfserhebungen, Marktassessments, etc.).

Beladung Pick Up zur Verteilung
Vom Lager geht es zur Hilfsgüterverteilung

Fly Niki hat uns gestern pünktlich um 5:40 Uhr am Morgen von Wien nach Kos geflogen. Damit hatten die Touristen und wir den ganzen Tag auf der Insel zur Verfügung.

Verladung der Hilfsgüter zum Verteilort
Im Lager des Griechischen Roten Kreuzes vor Ort gibt es nur mehr wenig an Hilfsgütern.

Nach einer kurzen Vorstellung des Griechischen RKs (ab sofort mit HRC – Hellenic Red Cross abgekürzt) ging es ab zum Lagerhaus. Dort lagern bereits 1.000 Nahrungsmittelpakete, 300 Hygienepakete für Frauen, 300 Soforthilfekits und 150 Babykits. Ein Teil wurde bereits gestern erstmalig verteilt – die zweite Verteilung sollte heute stattfinden.

Das Aufnahmeverfahren

Nach der Beladung des Pick-Ups durch die fünf freiwilligen MitarbeiterInnen des HRCs ging es ab zur Polizeistation. Dort versammeln sich Tag für Tag alle ankommenden Flüchtlinge in einer grossen Menschenmenge. Rund 150-250 Personen davon werden nach unbekannten Kriterien von der Polizei ausgewählt und dürfen die Kaserne betreten. Die anderen sind darüber nicht gerade erfreut – wenig verwunderlich (wenn ich jeden Tag stundenlang in der Hitze ausharren müsste und keine Ahnung hätte wann ich dran komme würde ich sicher ähnlich reagieren). Außerdem gibt es keine Grundversorgung wie bei uns in Österreich. Schlafen am Strand und Waschen im Meer ist angesagt. Da kann schon ein bisschen Unmut aufkommen. Vor allem, wenn Kinder und Schwangere versorgt werden sollten.

vor der Verteilstation = Polizeistation
Tägliche Routine: Warten vor der Polizeikaserne. Meistens vergeblich.

Die glücklichen 150-250 Asylwerber in der Kaserne durchlaufen einen Registrierungs-prozess bei Hitze und ohne Wind und erhalten am gleichen Tag eine Bestätigung Ihres Status. Danach erhalten sie vom Roten Kreuz eine Einmalversorgung mit einem Nahrungsmittelpaket. Frauen bekommen ein Hygienepaket und für Babies wird ein Babykit ausgegeben. Männer bekommen ein Survivalkit.

Die Ziele liegen weit im Norden der Urlaubsinsel

Dazu muss man wissen, dass die meisten Asylwerber keine paar Tage auf Kos bleiben (wollen). Ziel ist es, über die so genannte Balkanroute ganz schnell durch Mazedonien, Serbien und Ungarn nach West- und Nordeuropa zu kommen. Auch Österreich ist meist nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Schweden, Deutschland und Großbritannien.

Um das Ganze kurz zu halten und niemanden zu langweilen – die heutige Verteilung musste abgebrochen werden (bzw hatte nicht mal begonnen) weil nach fünf Stunden Wartezeit keine Statusbestätigungen von der Polizei an die Asylwerber ausgegeben wurden („Athen meldet sich nicht“ – Zitat Polizei Kos). Die bürokratischen Prozesse sind überfordert. Besonders der Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Kindern ist problematisch, nein es gibt nicht einmal einen Umgang mit ihnen. Es gibt auf Kos keinerlei Versorgung der eintreffenden Flüchtlinge – kein Klo, kein Wasser kein gar nix. Einzig in der Polizeikaserne gibt es einen Wasserhahn – angeblich Trinkwasser, das salzig schmeckt.

Über unsere Pläne und next steps dann ein andermal – Kali nichta und bis bald.

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